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«Melancholie ist wichtig»

Pedro Lenz, dessen Bestseller «Der Goalie bin ig» jetzt verfilmt wurde, im Gespräch über Schönheit und den Klang der Sprache.
Valeria Heintges
Schreibt rhythmisch über das «himutruurige Läbe»: Pedro Lenz, Autor von «Der Goalie bin ig». (Bild: Daniel Rihs)

Schreibt rhythmisch über das «himutruurige Läbe»: Pedro Lenz, Autor von «Der Goalie bin ig». (Bild: Daniel Rihs)

Herr Lenz, Ihr Goalie ist zum Filmhelden geworden. Sie haben, hört man, die Sprache eine Weile überwacht und dann doch den Filmleuten das Ruder übergeben?

Pedro Lenz: Ich hatte unheimlich Angst, dass die sich nur für den Plot interessieren, der ist ja nicht wahnsinnig entwickelt. In den ersten Drehbuchfassungen war die Sprache wie ein billiger Jerry-Cotton-Krimi. Da habe ich ganz intensiv an den Dialogen gearbeitet. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht Inhalt und Dialoge gleichzeitig verteidigen kann, denn Film ist ein anderes Medium und braucht eine andere Sprache. Daraufhin habe ich mich ganz fest darum bemüht, dass zumindest die Haltung der Figur und die Atmosphäre die gleiche ist. Das ist uns gelungen, glaube ich.

Der Film ist natürlich in Mundart. Gibt es Untertitel?

Lenz: Jemand wollte unseren Film ganz präzise untertiteln. Da merkt man dann: Es sind wirklich zwei Sprachen. Es gibt zum Beispiel ganz viele Füllwörter auf Schweizerdeutsch, zum Beispiel sagen wir immer «eigetlich». Das geht auch auf Hochdeutsch, aber nicht so oft. Es ist manchmal eine Frage der Menge.

Ihre Geschichten wirken komisch, aber bei genauem Hinschauen sind sie das nicht. Ihr Thema ist doch das «himutruurige Läbe», oder?

Lenz: Melancholie ist für mich etwas Wichtiges. Ich habe sehr früh gemerkt, dass traurige Dinge die Leute zum Lachen bringen. Mich selbst übrigens nicht: Ich habe auch als Kind bei Buster Keaton, Dick & Doof oder Charlie Chaplin nicht gelacht. Aber ich habe gemerkt, dass Traurigsein und Lustigsein ganz nahe sind. Ich habe eher eine pessimistische Grundeinstellung dem Leben gegenüber, aber das heisst nicht, dass ich keine Lebensfreude habe, ich bin nicht depressiv. Diese drei, vier Monate Hochnebel, die wir in Langenthal haben, sind wie ein Deckel. Das macht melancholisch, aber es ist auch Geborgenheit dabei. Es hat immer beides. Ich weiss nicht, ob ich im Süden leben wollte oder auf einem Berg, wo die Sonne scheint.

Sie sind heute der Schweizer Mundartdichter, der die meisten Bücher verkauft, allein «Der Goalie bin ig» ging 23 000 Mal über den Ladentisch. Dabei sind Sie zweisprachig aufgewachsen.

Lenz: Mehr noch: Ich habe als Kind zuerst Spanisch gelernt, weil meine Eltern mit uns zu Hause Spanisch sprachen. Schweizerdeutsch habe ich auf der Strasse gelernt, mit den Freunden. Meine Mutter hat uns auch als Kinder oft gefragt: «Warum sagt man das so?» Darum habe ich ein Faible für genaues Hinhören, für Unterschiede und Sprachmelodien behalten. Meine Mundart ist mir nie ganz selbstverständlich gewesen. Deswegen fällt mir vieles auf, was anderen nicht auffiele.

Haben Sie also eine leise Distanz zur Mundart?

Lenz: Ja, es war ein bisschen ein Aussenblick. Das Von-aussen-auf-die-Sprache-Schauen ist mir in die Wiege gelegt worden.

Es scheint widersprüchlich, dass gerade Sie einer der bekanntesten Mundartliteraten sind.

Lenz: Ja, vielleicht. Aber ich bin nicht der einzige: Endo Anacondas Mutter war Kärntnerin, auch für ihn ist Schweizerdeutsch eine Zweitmundart. Und Mani Matters Mutter war Holländerin, bei ihnen daheim wurde Holländisch und Französisch gesprochen. Für mich war auch die Mundart als Literatursprache ein sehr bewusster Entscheid.

Ihre Texte können den Ursprung in der Spoken-Word-Szene nicht leugnen. Schreiben Sie Mundart, um das Wörtliche und den Rhythmus ins Schriftliche zu retten?

Lenz: Ja, der Entscheid hat viel mehr mit Klängen und meinem Sprachalltag zu tun als mit sprachpflegerischen oder sogar patriotischen Absichten. Besonders bei sehr mündlichen Texten, Monologen oder Dialogen von Figuren fühle ich mich sehr viel sicherer in der Mundart.

Warum?

Lenz: Wenn ich auf Hochdeutsch einen Milieuroman geschrieben hätte wie «Der Goalie bin ig», hätte mir das Repertoire gefehlt und die Kenntnis für Zwischentöne. Was ist ganz böse, was ein bisschen? Was klingt böse, ist aber lieb gemeint? Diese Details gehen mir im Hochdeutschen ein bisschen ab. Und mir fällt auf, dass viele Schweizer Autoren grobe Milieus mit sehr engem Wortschatz beschreiben.

Wieso verschriftlichen Sie Ihre Texte überhaupt?

Lenz: Das habe ich mich auch lange gefragt. Anfangs habe ich immer hochdeutsche Bücher publiziert und Mundarttexte nur auf CD. Aber dann sagte Roland Schärer vom Cosmos-Verlag, ich solle auf Mundart schreiben. Ich habe mich lange gesträubt, weil ich dachte, es sei kompliziert, weil es ja keine offizielle «Rechtschreibung» dafür gibt. Natürlich werden jetzt ein paar Dialektfanatiker sagen: Es gibt eine berndeutsche Grammatik von 1900-ich-weiss-nicht-wie-wenig.

Aber danach haben Sie sich nicht gerichtet?

Lenz: Nein, damit kann ich wenig anfangen, weil die Sprache im Wandel ist und ich auch nicht wirklich Berner bin, sondern aus Langenthal stamme. Gleichzeitig hatte die Gruppe «Bern ist überall» die Idee, eine «Spoken Script»-Edition zu machen, um unsere Arbeit zu dokumentieren.

Um sie vor dem Vergessen zu bewahren?

Lenz: Ja, und um sie der Forschung zugänglich zu machen. Dann haben wir gemerkt: Die Leute kaufen lieber Bücher als CDs. Vom «Goalie» verkaufte ich 23 000 Bücher und 4000 CDs. Bei den anderen ist das Verhältnis ähnlich, rund 15 Prozent.

Wenn man die Zuschauer Ihrer vielen Auftritte dazuzählt, sieht das Verhältnis anders aus.

Lenz: Stimmt. Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Das ist auch ein anderes Erlebnis für den Zuhörer, als wenn einer etwas übellaunig einen Text liest, weil der Verlag meint: «Du musst noch auf Lesetour!» Unsere Lesungen haben einen eher theatralen Aspekt. Allerdings darf man nicht vergessen: Die Hälfte von allem, was ich schreibe, sind Zeitungskolumnen, und die sind immer Hochdeutsch.

Haben Sie sozusagen Glück, dass Sie Berndeutsch schreiben und damit im beliebtesten Dialekt der Schweiz?

Lenz: Ich mag den Kult nicht, der um das Berndeutsche gemacht wird. Mir geht es immer um die Nähe zu den Figuren. Wer sagt: «Berndeutsch ist die schönste Sprache», ist ausserdem unhöflich gegenüber allen, die nicht so sprechen. Ich würde mir nicht anmassen, einem St. Galler zu sagen: «Deine Sprache ist nicht schön.»

Aber das hört der St. Galler sehr oft.

Lenz: Ja, ich weiss. Aber das ist beleidigend. Sogar St. Galler selbst sagen mir: «Ihr habt die schönere Sprache.» Das wird zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, wenn man es immer wiederholt. Dabei gibt es ganz viele Beispiele von Künstlern, die im Ostschweizer Dialekt arbeiten und zeigen, dass es vielmehr darauf ankommt, was man mit der Sprache macht, als mit welcher Sprache man es macht. Manuel Stahlberger, Simon Enzler, Joachim Rittmeyer – alles Ostschweizer. Und alle Deutschschweizer sind mit den Märchenplatten von Trudi Gerster sozialisiert worden. Nie wäre uns eingefallen zu sagen: «Die hat keinen schönen Dialekt.» Manchmal klingt das Lob des Berndeutschen auch wie «Berndeutsch schreibt sich von allein schön». Als würde die Sprache schon den Text schreiben.

Das stimmt sicher nicht?

Lenz: Im Gegenteil: Je natürlicher etwas klingen soll, umso künstlicher muss ich es bauen. Ich befasse mich beim Schreiben oft mit der Frage: Wie kann ich es noch mehr zum Klingen bringen, so dass die Leute den Eindruck haben: «Es ist genauso, wie mein Grossvater spricht.» Das ist es aber nicht.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Lenz: Auf Schweizerdeutsch kann man sagen: Ich, ich glaube das nicht. Ig, i gloube ds nid. Das kann ich variieren und durch dieses Verdoppeln etwas rhythmisch machen, was sonst nicht im Rhythmus wäre. Oder ich kann durch das häufige Anwenden der Konjunktion «und» eine Mündlichkeit nachbilden, wie Kinder, die erzählen: «Wir waren im Kindergarten, und dann haben wir gespielt, und dann haben wir gezeichnet.» Die Lehrerin hat uns das ausgetrieben, aber tatsächlich redet man so. Ich erinnere mich auch an die Korrekturen meines Lehrers: «Suche ein schöneres Adjektiv für <schön>.» Aber wenn die Leute reden, sagen sie fünfmal schön. Und man muss den Mut haben, es fünfmal zu verwenden.

Mundartliteratur läuft schnell Gefahr, konservativ zu wirken, die Tradition über alles zu halten. Bekommen Sie manchmal Applaus, den Sie lieber nicht erhalten hätten?

Lenz: Wenn mir jemand nach der Lesung sagt: «Das ist schön, dass sich jemand in der multikulturellen Schweiz noch für die alten Werte einsetzt», sage ich: «Nein, ich bin ein Freund der Unreinheit.» Wenn ich höre, dass die Kosovaren eine neue Melodie ins Schweizerdeutsche bringen, versuche ich, das textlich einzubringen. In meiner Haltung – Literatur sollte immer eine Haltung haben – sollte dann klar sein, dass ich nicht rassistische Ideen vertrete. Aber es braucht ziemlich viel Sorgfalt, dass man nicht missbraucht wird. Aber genauso problematisch ist es, wenn man die Mundart als etwas Exotisches betrachtet oder in die Ecke stellt. Sie ist weder eine Tugend noch ein Defekt. Sondern alltägliche Sprachrealität. Weder schön noch hässlich, sondern einfach so, wie sie ist.

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