Persisches Konzert in der Tonhalle St.Gallen: Sich hörend treiben lassen in eine andere Welt

Der Meisterzyklus in der Tonhalle St.Gallen geht neue Wege und erntet im fast ausverkauften Konzertsaal lebhaften Applaus. Die Klassische Musik aus Persien fliesst, und in diesem Fluss liegt ihre enorme Schönheit.

Rolf App
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Keyvan Chemirani und Kayhan Kalhor traten in der Tonhalle St.Gallen auf im «Meisterzyklus Grenzenlos».

Keyvan Chemirani und Kayhan Kalhor traten in der Tonhalle St.Gallen auf im «Meisterzyklus Grenzenlos».

Bilder: Gilles Abegg, Todd Rosenberg

«Wie haben Sie jetzt diesen Abend empfunden», fragt mich danach eine mir ganz unbekannte Frau. «Ganz wunderbar», antworte ich, und so geraten wir in ein langes Gespräch, während sich die Tonhalle St.Gallen langsam leert. Es ist ein bemerkenswerter Abend, den wir noch einmal Revue passieren lassen.

Sie habe gehört, dass Iraner aus der ganzen Schweiz angereist seien, um heute dabei zu sein bei diesem aussergewöhnlichen Meisterzyklus-Konzert, erzählt die Dame. Und in der Tat: Zu den bekannten Gesichtern sind viele unbekannte gekommen, und haben den Saal fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Sie alle folgen der Musik mit sehr konzentrierten Gesichtern, und stehen am Ende zum Applaus sofort auf. Sie bedanken sich so für das Geschenk, das ihnen Kayhan Kalhor, Kiya Tabassian und Keyvan Chemirani auf ihrem mit einem Perserteppich belegten Podest gemacht haben.

Das Geschenk: Das ist klassische Musik aus Persien, einem Reich, das einst einen viel grösseren Raum umfasst hat als der heutige Iran. Es ist eine Musik, die strengen Regeln folgt, aber innerhalb dieser Regeln weite Räume eröffnet für Improvisation.

In seiner Einführung erklärt Kayhan Kalhor, wie das geht. Mehr als 200 kurze modale Stücke bilden insgesamt zwölf Systeme, die der Spieler blind beherrschen muss, bevor er überhaupt ans Auftreten denken kann. Denn sie bilden die Basis für das, was wir an diesem Abend erleben: einen Akt schöpferischer Improvisation, die in ihrem Duktus etwas tief Meditatives hat. Sie ist so ganz anders als das, was wir aus der westlichen Musik kennen. Persische Musik fliesst, in diesem Fluss liegt ihre enorme Schönheit.

Der Setar-Virtuose Kiya Tabassian emigrierte 1990 nach Kanada. Jetzt trat er in der Tonhalle St.Gallen im «Meisterzyklus Grenzenlos» auf.

Der Setar-Virtuose Kiya Tabassian emigrierte 1990 nach Kanada. Jetzt trat er in der Tonhalle St.Gallen im «Meisterzyklus Grenzenlos» auf. 

Bild: Michael Slobodian

Sich hörend treiben lassen in eine andere Welt

Nachdem Kalhor und seine beiden Mitmusiker ein wenig erläutert haben, was sie tun werden, ziehen sie sich zurück, um sich einzustimmen und sich zu konzentrieren. Und tauchen nach einer kurzen Pause wieder auf, um auszuführen, was das Programm des Abends so umschreibt: «Improvisationen über den Modus Shur und seine Untermodi Bayat-e Tork, Kord-e Bayat und Abuata.»

Natürlich haben wir Nicht-Iraner keine Ahnung, was wir uns darunter vorzustellen haben. Was aber eine gute Gelegenheit ist, uns hörend treiben zu lassen in eine ganz unbekannte Welt.

Sie ist erfüllt von den silbrigen Klängen zweier Setars, Langhalslauten, die überwiegend in der persischen und der tadschikischen Musik gespielt werden. Der Name bedeutet «Dreisaiter», doch ist im Lauf des 19.Jahrhunderts noch eine vierte Saite hinzugekommen.

Wundervolle Klangkunstwerke

In langen, übergangslos ineinander fliessenden Improvisationen variieren Kalhor und Tabassian kurze Motive und schaffen wundervolle, zu unserem Glück lange nicht enden wollende Klangkunstwerke, und kurz vor Ende singt Kalhor auch noch. Keyvan Chemirani sitzt zunächst daneben, dann aber greift er zu seiner Tombak-Trommel, und fällt mit Rhythmen ein, die immer komplexer werden, aber stets im Hintergrund bleiben.

So entsteht jene magische Stimmung, die auch nach dem Konzert noch anhält – und die diese Frau und mich ins Gespräch bringt. Hätten wir uns nach einem westlich-klassischen Konzert kennen gelernt? Wohl kaum. «Meisterzyklus grenzenlos!» heisst übrigens das Format – das unbedingt fortgeführt werden muss.

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