Meine Strasse, ein kleiner Weltraum

Kinderkrippe und Dealerszene befinden sich in der Rue Edel in friedlicher Koexistenz. Das verwundert Barbara Honigmann, Mutter zweier Söhne, aber sie bewundert auch, wie lässig und selbstverständlich die Franzosen damit umgehen.

Roland Mischke
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Barbara Honigmann: Chronik meiner Strasse, Hanser 2015, 152 S., Fr. 23.90

Barbara Honigmann: Chronik meiner Strasse, Hanser 2015, 152 S., Fr. 23.90

Kinderkrippe und Dealerszene befinden sich in der Rue Edel in friedlicher Koexistenz. Das verwundert Barbara Honigmann, Mutter zweier Söhne, aber sie bewundert auch, wie lässig und selbstverständlich die Franzosen damit umgehen.

Christen, Moslems, Hindi, Juden

In «Chronik meiner Strasse» erzählt sie von ihrer Strasse in Strassburg. Viele dort sind Christen, aber es gibt auch Juden, Moslems und Hindi, die meist gut miteinander auskommen, von gelegentlichen Reibereien abgesehen. Katzen und Hunde gehören dazu, lärmende Fahrzeuge und ein bunter Mix aus Sprachen. Barbara Honigmann wird 1949 in Ost-Berlin geboren und siedelt 1984 nach Strassburg über. Sie und ihr Mann seien auf der «Suche nach ihrem verlorenen Judentum» gewesen, und Strassburg hat viel jüdisches Leben.

Franzosen, Araber, Kurden und Türken, Pakistaner und Inder und viele Menschen aus osteuropäischen Staaten, die in der Stadt Zuflucht suchten, leben mit Juden zusammen. Dabei erscheint die Strasse, zwischen Innenstadt und Banlieue gelegen, trist. Aber sie ist für viele eine Heimat geworden. Als es selbstverständlich war, dass ihr Mann im Hinterhof eine Hütte zum jüdisch-orthodoxen Laubhüttenfest errichten konnte, allerdings aus Campinggerät, nahm sich Barbara Honigmann vor, darüber zu schreiben. Es ist eine Chronik geworden, Anekdoten, aneinandergereiht. Das ist auch die Schwäche des Buches.

Es geht aber auch um Schicksale, die sich ereignen, um Kinder und Jugendgangs, Alte, Sterbende und Verstorbene, Begebenheiten aus drei Jahrzehnten. In einer Strasse kommt alles zusammen. «Ich sitze an meinem Schreibtisch vor dem Fenster und schaue auf die Strasse des Anfangs, in der viele Völker wohnen... und ein paar Verrückte, in der kein Baum wächst und kein Strauch.» Dort bedenkt sie ihre Gespräche und Erlebnisse mit Menschen. Frau Loeb, die ständig erzählt, dass sie nur noch zufällig lebt, weil sie die Deportation in NS-Zeit überstand. Jechiel, der Talmudlehrer aus Israel, muss sich ebenfalls mit peinigenden Kindheitstraumata auseinandersetzen. Der gebürtige Litauer überlebte nur, weil ein Bauer ihn über Jahre versteckte. Das Buch ist in diesen Passagen elegisch, das Ende von Freundschaften, die der Tod bestimmt, kann nur schwer hingenommen werden.

Honigmann nimmt Abschied

Honigmann ist alt geworden, auf der Zielgeraden geht es um die Bilanz ihres Lebens, auch um ihr Abschliessen mit Berlin. Doch ist das Buch auch heiter. Wenn Honigmann den Markt schildert, greift sie zu kräftigen Farben. Sie schildert die Musik aus vielen Völkern und das Essen, «Grillwürste und Couscous, Apfel- und Zwetschgenkuchen, orientalisches, afrikanisches und asiatisches Gebäck». Es gibt viel zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken im «kleinen Weltraum», auf den sich die Autorin beschränkt.