«Meine Beziehung zur Bühne ist mit einer Ehe vergleichbar»: Für den Thurgauer David Lang gab es nie eine Alternative zum Berufsmusiker

Seit zehn Jahren spielt Komponist und Musiker David Lang auf der Bühne. Zum Jubiläum bringt er ein neues Soloprogramm heraus: Dafür hat er beim Paartherapeuten recherchiert.

Hana Mauder
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Würde auf alles verzichten, um Musiker zu bleiben: David Lang.

Würde auf alles verzichten, um Musiker zu bleiben: David Lang.

Bild: Andrea Stalder (Tägerwilen, 3. März 2020)

Er ist Profi: David Lang posiert trotz Winterwind geduldig für die Kamera. Kurze Zeit später vertreibt in einem Café eine Tasse Kräutertee die Restkälte. «Das gehört dazu», meint er und lächelt. Seit einem Jahrzehnt tritt der Thurgauer Musiker und Komponist mit wechselnden Solokonzerten auf. «In der Ehe sind zehn Jahre eine Rosenhochzeit», erklärt er.

«Meine Beziehung zur Bühne ist mit einer Ehe vergleichbar. Es gibt Höhen, Tiefen und manchmal ein herzhaftes Lachen.»

Die Vorbereitungen für das Bühnenjubiläum laufen seit Monaten. In einer langen Nacht entstand von Hand die erste Skizze für den Flyer: Ein Strauss Rosen, den eine Stimmgabel stützt. Der musikalische Geschichtenerzähler sucht immer nach einem interessanten Ansatz.

Im aktuellen Fall: die Therapie. «Ich habe bei Paartherapeuten recherchiert», erzählt er. Ein Musiker auf der Suche nach den Mechanismen der Liebe, der Formel des Versagens und dem Schlüssel zum (Ehe-)Glück – ein Anwalt der kleinen Dinge.

Momente einer gewissen Intimität auf der Bühne

Die Premiere steht vor der Tür. Die Vorfreude überwiegt das Lampenfieber. «Wenn auf der Bühne alles stimmt, stellt sich Euphorie ein. Es sind Momente von einer gewissen Intimität.» Solokonzerte zählen für ihn zur «Königsklasse».

«Nur ich und das Klavier. Das ist die hohe Schule, die alles andere erst möglich macht.»

Jedes Jahr bringt der 41-Jährige wechselnde Solokonzerte auf die Bühne. Mehr als 320 Kompositionen für Chor und Orchester stammen aus seiner Feder. Besonders am Herzen liegt ihm der «Chor der 100»: «Ich bringe einen neu formierten Chor in kürzester Zeit zu Höchstleistung.»

2008 gründete der Thurgauer Komponist das Musikfestival «Mammern Classics» in seinem Heimatdorf. Im Sommer vergangenen Jahres feierte er mit seinem Musical «RunggleBuur» Erfolg.

Wenn nötig, steht er für seine Sicht der Dinge öffentlich ein. So geschehen, als er für sein Musical 40'000 Franken an Fördergeldern aus dem Lotteriefonds beantragte. Das kantonale Kulturamt bewilligte nur die Hälfte. «Die Musik und die Geschichte überzeugen nicht in allen Teilen», so die offizielle Begründung. Im Rückblick sagt Lang:

«Einem Berufsmusiker zu sagen, sein Werk genüge nicht, setzt natürlich Emotionen frei.»

Heute haben sich die Wolken am Himmel verzogen. «Mein Ärger ist verraucht.»

Musik liegt in der Familie

Aufgewachsen ist David Lang mit drei Geschwistern in Mammern am Bodensee. «Mein Grossvater leitete als Dorfschulmeister den Männerchor. Die Eltern sangen mit», erzählt er. Nach einem «unspektakulären Stimmbruch» setzte der 15-jährige Bub diese Familientradition fort. Mit 17 Jahren beschloss er, die Musik zum Beruf zu machen.

Nach dem Lehrerdiplom absolvierte er ein Klavierstudium an der Musikhochschule in Zürich und arbeitete parallel an der Stimmbildung. Es folgten Weiterbildungen zum Chorleiter und Orchesterdirigenten. Er sagt:

«Für mich gab es nie eine Alternative zum Berufsmusiker. Ich würde dafür jederzeit auf vieles verzichten. Vielleicht sogar auf alles.»

Muss er nicht. Fortuna lächelt ihm zu. Auch wenn seine Karriere ihn manchmal herausfordert. 2009 packte er die Koffer, reiste nach New York und arbeitete mit einem namhaften Gesangslehrer zusammen.

Aus dieser Zeit nahm er zwei prägende Eindrücke mit: «Ich kann überall leben und mich einbringen. Und ich will in der Musik meinen eigenen Weg gehen.» Nach drei Monaten reiste er ab. Mit dem Mut zum eigenen Stil – und dem Wissen, das Heimat ein Ort irgendwo mitten im Herzen ist.

In Berlin spielt er in verrauchten Spelunken

Eine Zeit lang lebte David Lang in Berlin. «Dort ist der kulturelle Boden nicht etwa fruchtbarer als im Thurgau», meint er. «Was wir im Kanton an Förderung erleben, ist grossartig.» Damals spielte er auf den Strassen und in verrauchten Spelunken. Vor allem aber entdeckte er seine Freude an der Muttersprache.

«Ich arbeite sehr gern mit Worten. Sie lösen Emotionen aus und bringen sie auf den Punkt.»

Seit 2017 lebt David Lang wieder am Bodensee. «Hier bin ich verwurzelt.» In wenigen Tagen startet sein Bühnenjubiläum. «Aber für mich bricht keine Welt zusammen, wenn der Applaus verklingt», betont er. «Ich bin keinen Millimeter über dem Boden.» Ein Perfektionist. Ein Tonkünstler. Und ein singender Poet, der den vernachlässigten Wunden des Lebens seine Stimme leiht.

Das Bühnenjubiläum «Rosenhochzeit» startet am 12.3. um 20 Uhr im Singsaal Altbau der Kantonsschule Frauenfeld. Weitere Konzertdaten und Reservationen unter davidlang.ch