«Mein Vater hat das Leben bejaht»

Vor zwei Jahren ist der Thurgauer Fotograf Dieter Berke gestorben. Seine Tochter Nahani Berke hat seinen Nachlass geerbt und öffnet sein Atelier nochmals für zwei Tage, bevor sie es räumt und auflöst. Danach bleiben Dieter Berkes Bilder und Bücher und die Erinnerung an ihn.

Dieter Langhart
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Selbstporträt, entstanden während einer Amerikareise, Polaroid aus dem Buch «slow motion», Niggli 2004. (Bild: Dieter Berke (1953 – 2012))

Selbstporträt, entstanden während einer Amerikareise, Polaroid aus dem Buch «slow motion», Niggli 2004. (Bild: Dieter Berke (1953 – 2012))

Haben Sie je Fotografin werden wollen wie Ihr Vater?

Nahani Berke: Nie, auch wenn ich seine Bilder mochte. Ich habe als Kind viel gemalt und gezeichnet, dann wurde ich Grafikerin.

Also auch ein kreativer Beruf.

Berke: Mein Vater war stolz auf mich und fragte mich auch um Rat, etwa bei Bildkombinationen für Ausstellungen. Er zeigte mir seine neuen Bilder, und ich musste begründen, weshalb ich etwas gut fand oder nicht. Er hat mir viel beigebracht, hat mich in künstlerischer Hinsicht gefördert wie ein Mentor. Und er hat mir nie gesagt: <Das geht nicht.>

Ihr Vater galt aber als Perfektionist.

Berke: Das war er auch. Er konnte stundenlang, tagelang auf das richtige Licht warten, gab sich nie rasch zufrieden. Die Negative aus seiner Werbe- und Sportfotografiezeit hat er penibel abgelegt, aber das Vorsignieren von Bildern nahm er nicht so ernst.

Er hat nie digital fotografiert.

Berke: Nein. Er hatte auch kein Mobiltelefon und nutzte den PC nur als Schreibmaschine, also nicht als Archivierinstrument.

Wie nahe fühlten Sie sich ihm?

Berke: Stets sehr eng. Als ich klein war, nahm er mich oft mit an die Thur und in den Wald – eine glückliche Zeit für mich. Und wann immer ich anrief, hatte er Zeit. Er war humorvoll, wir konnten gut diskutieren. Er war sehr direkt mit mir und liess mich stets machen.

Dieter Berke galt aber auch als lonely wolf.

Berke: Als Fotograf schon, sein Totemtier war eine Wölfin. Und er mochte die Stille sehr. Er hat eine Zeitlang mit der Künstlerin Rahel Müller zusammengewohnt. Sie war seine beste Freundin und kannte ihn gut. Sie war auch bei ihm in seinen letzten Tagen, war ihm und jetzt mir eine grosse Hilfe. Sein Bruder, mein Onkel, lebt in Süddeutschland, wo die Familie herkommt, sie hatten jedoch nicht den besten Kontakt.

Das Leben hatte Dieter Berke immer wieder hart zugesetzt. War das nicht ungerecht?

Berke: Ich bewundere, wie mein Vater seine Unfälle und seine Krankheit angegangen ist. Er hat nie gejammert, auch nicht über seine unglaublichen Schmerzen, er hat gesagt, <alles geht vorbei>. Als es ihm bereits sehr schlecht ging, sagte er zu mir: <Ich will so lange hier bleiben, bis du aus dem Gröbsten heraus bist.> Mein Vater hat sein Leben bejaht, sich nicht als Opfer gesehen. In den letzten Monaten fand er die Figur Jesu spannend, wurde in einem weiten Sinne gläubig, fühlte sich nicht mehr an seinen Körper gebunden. Er hatte viel Spiritualität gelernt bei einem amerikanischen Schamanen.

Sehr viel Anerkennung hat er kaum ausserhalb des Thurgaus erfahren.

Berke: Nein, leider nicht. Es wäre aber auch nicht seine Art gewesen, sich durch eine Galerie vertreten zu lassen. Die Fotostiftung Schweiz in Winterthur besitzt einzelne Werke, ebenso das Kunstmuseum Thurgau. Ich hätte meinem Vater mehr Anerkennung gewünscht.

Was enthält der Nachlass, den Sie geerbt haben?

Berke: Hunderte von Polas, gut dreissig grosse Arbeiten, teils noch nicht aufgezogen, fünf der «Krebsbilder», die er 2011 in seiner letzten Ausstellung «time out» in Frauenfeld gezeigt hat. Und die persönlichen Sachen.

Was behalten Sie davon?

Berke: Einen Flügel und Federn des Rotmilans. Er war für ihn ein Krafttier – allein und ungebunden –, mein Vater trug stets eine Milanfeder in seinem Hut. Die Kristalle und Steine und einige Möbelstücke. Und eines seiner Waldbilder sowie einige Polaroidaufnahmen.

Ein ähnliches wie das wandfüllende, das seit 2011 in der Pfisterei der Kartause Ittingen hängt?

Berke: Ein wenig, ja. Meines beschreibt einen Weg, gesäumt von leuchtenden Blättern. Ich verliere mich gern darin und stelle mir vor, wohin der Weg führt und welchen Wesen man auf ihm begegnet.

Sa/So, 13./14.12., 10–17 Uhr, VSP-Areal, Pfyn; oder nach Vereinbarung: 079 615 67 78, milena.berke@bluewin.ch

Nahani Milena Berke Grafikerin, 1991, lebt in Schaffhausen, arbeitet in Zürich (Bild: pd)

Nahani Milena Berke Grafikerin, 1991, lebt in Schaffhausen, arbeitet in Zürich (Bild: pd)

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