Mein Vater, der Superheld

Nach dem archaisch-wuchtigen Bergbauerndrama «Coeur animal» verbindet Séverine Cornamusaz in ihrer Coming-of-Age-Geschichte «Cyanure» Realismus mit grell inszenierten Wunschvorstellungen.

Walter Gasperi
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Der kleine Achille vergöttert seinen abwesenden Vater Joe – bis dieser nach einer langen Haftstrafe freikommt. (Bild: pd)

Der kleine Achille vergöttert seinen abwesenden Vater Joe – bis dieser nach einer langen Haftstrafe freikommt. (Bild: pd)

Von Anfang an schlägt Séverine Cornamusaz einen ganz anderen Ton an als in ihrem mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichneten Début «Coeur animal». Mit der Detailaufnahme einer Augenpartie eröffnet die Westschweizerin «Cyanure», um dann in grellen Farben und rasantem Tempo von einem russischen Roulette, einem Raub und einer wilden Verfolgungsjagd zu erzählen, die im Stil von Ridley Scotts «Thelma und Louise» mit der Fahrt über eine Klippe endet.

Sehnsucht nach Familie

Dieser Auftakt ist aber nicht Realität, sondern entpuppt sich sogleich als die von Actionfilmen geprägte Imagination des 13jährigen Achille. Sein Vater Joe wurde zwar schon vor seiner Geburt zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, doch der Junge, der sich selbst aufgrund seines Namens in Beziehung zum nahezu unverwundbaren griechischen Helden setzt, vergöttert den Abwesenden geradezu. Nichts hält er dagegen vom gegenwärtigen langweiligen Freund der Mutter, glaubt aber, dass sie nach der Haftentlassung des Vaters eine glückliche Familie werden.

Doch wie der Junge in «Le gamin au vélo» der Dardenne-Brüder wird auch Achille bitter enttäuscht. Denn als Joe freikommt, entpuppt sich dieser als Macho, dem die moderne Welt völlig fremd ist und der kein Verantwortungsgefühl kennt. Mit Achille will er – zumindest zunächst – nichts zu tun haben und bezweifelt sogar seine Vaterschaft. Und auch Pénélope, die fast so lange auf ihren Mann wartete wie ihre Namensgeberin auf Odysseus, denkt gar nicht daran, mit ihrem Freund zu brechen, ihr geordnetes bürgerliches Leben aufzugeben und wieder mit Joe zusammenzuziehen. Doch langsam kommen die Beziehungen in Bewegung, bis das titelgebende Zyankali zum Einsatz kommt.

So heftig hier die Menschen und ihre Gefühle aufeinanderprallen, so wild ist die Inszenierung. Realistische Schilderung des Alltags wechselt mit kurzen Manga-Animations- und Actionszenen, in denen Achilles Träume wahr werden. Mögen diese Momente insgesamt auch nur kurz sein, mit ihrer expressiven Ästhetik prägen sie sich dennoch ein und bestimmen wesentlich den Gesamteindruck.

Auch beim Musikeinsatz arbeitet Cornamusaz mit starken Akzenten, wenn sie die Leidenschaft der Liebe zwischen Joe und Pénélope, die sich einst ihre Namen in den Unterarm eintätowieren liessen, mit Rammsteins «Mein Herz brennt» und der Arie «Die Liebe ist ein wilder Vogel» aus Bizets «Carmen» unterstreicht.

Sehnsucht nach Geborgenheit

Ein hohes Risiko geht Cornamusaz mit diesem Mix der Stile und Tonlagen ein, doch kann sie dabei auf ihre Schauspieler vertrauen, die eindringlich die Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe und einem erfüllten Leben vermitteln. Eine Entdeckung ist der 17jährige Genfer Alexandre Etzlinger als Achille, eindrücklich vermittelt die Bernerin Sabine Timoteo die Zerrissenheit Pénélopes zwischen ihrem langweiligen Freund und dem impulsiven Joe, der von Roy Dupuis kraftvoll gespielt wird.

Im Kinok: Heute Mo, 18.30 Uhr; 28.3., 21.30 Uhr; 30.3., 13.30 Uhr

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