Mein Traumabend in Montreux: Weil das Jazz-Festival dieses Jahr ausfällt kann man nur in Erinnerungen schwelgen - aber die haben es in sich

Vom 54. Montreux Jazz Festival kann man in diesem Jahr nur träumen. Es gibt dazu viral viel zu sehen. Und auch einiges zu lesen.

Mathias Hähl
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Autor Mathias Hähl mit der Sängerin Melody Gardot.

Autor Mathias Hähl mit der Sängerin Melody Gardot.

Bild: zVg

«Cheers!», sagt Grace Jones, hebt ihr Flûte und zeigt die gebleachten Zähne. Es ist 16 Uhr und die Diva eben erst aus ihrem Queen-Size-Bett des Montreux Palace aufgestanden. Sie braucht nur wenig zum Leben: «Champagner, Austern und Sex.» Stunden später, weit nach Mitternacht massiert sie beim Konzert mit ihrem Dub-Bass meinen Bauch. Betörend jubiliert sie vom «Devil In My Life» in ihrem «Vie en rose». Lächelnd zieht ein Verflossener seinen Hut, der diese Teufel auch bestens kennt: Leonard Cohens ernsthaftes Auge ruht wohlwollend auf der pulsierend tanzenden Szene. Er, der hier auch betörende Konzerte lieferte, sagt: «Es ist eine Musik, so schön, dass man sich dazu die Pulsadern aufschneiden will.» Poetik des Überlebens muss unter die Haut gehen!

Doch vorab erklärt mir Grace Jones mit dunkler Stimme, weshalb sie als Nachtmenschin erst zu später Stunde auftritt. Dann sind ihre Fans auch angeheitert und merken kaum, dass die 72-Jährige nicht mehr ganz so fit ist, wie sie es auf Fotos zu sein verspricht. Barbusig, wie vor drei Jahren, würde sie heute nicht mehr in Montreux auftreten. Doch ihre Songs, zumal vom letzten Album «Hurricane», sind weiter elektrisierende Versprechen für Tanzparties.

Angeheizt hatte am Abend meines Traumtages Sängerin Melody Gardot. «Musik ist meine beste Droge», erklärte mir die charmante Lady aus New Jersey, die heute in Paris lebt. Gardot trägt immer Sonnenbrille, weil sie mit 19 Jahren auf dem Velo von einem Jeep angefahren wurde. Elf Monate lag sie mit Rückenverletzungen und einem Schädel-Hirn-Trauma im Spital. Bis heute leidet sie darunter. Immerhin: «Singen brachte mir mein Leben zurück.»

Drei Trümpfe des Jazzfestival Montreux

Mitten im Publikum tummelt sich Lenny Kravitz, versteckt hinter grosser Sonnenbrille, die Lederhose wie stets knalleng. Der Headliner vom 13. Juli dieses Jahres nutzt die Chance, inkognito die Konkurrenz zu checken. Auch der US-Rocker weiss, worum sich alles dreht: Grace & Melody. Glamour & Beats. Show & Musik. Darum geht es im anregendsten Metier der Unterhaltung. Dieser mitreissenden Live-Popkunst, die es schafft, die Welt mit Songs in wenigen Minuten zu erklären.

Konzerte in Montreux bieten dafür seit 1967 Bühnen vom Feinsten und ich darf seit 30 Jahren dabei sein. Drei Gründe: brillante Akustik; Nähe, weil die Künstler wie unter dem Vergrösserungsglas auftreten; Schweizer Gastfreundschaft und eine Lässigkeit im beschaulichen Dörfchen, die Anonymität zulässt.

Das schätzt auch Lenny. Bei unserem letzten Treffen hing er bekifft in den Seilen und plapperte, weshalb er so fit sei: «Viel Sex, mein Freund!» Er wehrt sich gegen die Probleme der Welt: «Ich habe genug von Rassismus, Umweltzerstörung und Krieg. Genug von der Gier und Verlogenheit unserer Staatsoberhäupter. Wir müssen dringend ein höheres Verständnis für die Menschheit und diesen Planeten entwickeln.» Sein Vorbild ist Prince, «das Genie aller Genies», der der Gegend dreimal seine Aufwartung und mit «Lavaux» auch einen Song schrieb. Beide sorgten hier für legendäre Auftritte.

Von solchen Höhepunkten dürfen wir heuer leider nur träumen. Während die einen wütend «Fuck Corona» skandieren, bleibt Lenny vernünftig: «Ich hoffe, alle bald in sicherer Umgebung wiederzusehen. Wir sind alle eins. Lasst uns zusammenhalten. Let Love Rule.»

Montreux Jazzfestival: Konzerte, Star-Videos und Stories im Netz sollen bis am 18. Juli über das ausfallende Festival hinwegtrösten. Journalisten wie Mathias Hähl schreiben über ihren Traumtag in Montreux.

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