«Mein Ohr arbeitet immer»

Kaum einer dürfte die Ostschweizer Aufnahmestudio-Kultur so mitgeprägt haben wie Johannes «Jowi» Widmer von der Gallus Media AG. Heute übt der Pionier den Spagat zwischen Geschäftsleitung und multimedialer Studioarbeit.

Michael Hasler
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Johannes Widmer: «Leidenschaft ist wichtiger als Technik», sagt der St. Galler Tonstudio-Profi. (Bild: Urs Jaudas)

Johannes Widmer: «Leidenschaft ist wichtiger als Technik», sagt der St. Galler Tonstudio-Profi. (Bild: Urs Jaudas)

Es gibt einen raren Schlag von Menschen, die dem Zeitkontinuum trotzen können. Auch eine knappe Dekade nach dem letzten Treffen wirkt Johannes Widmer, in der Szene als «Jowi» bekannt, wie einer, der dem Alterungsprozess schlicht enteilen konnte. Noch immer wirkt der 39-Jährige drahtig und sein Hirn scheint zu rasen, wenn er über jene oft magisch verklärte Welt der Studioarbeit berichtet, die ihn unmittelbar nach der Matura umklammerte und bis heute nicht mehr losliess.

Keine Fehlinvestitionen

Dass sich das Berufsfeld seit seinen Pioniertagen als Livemischer etwa der St. Galler Kultband Mumpitz und später auch bei seinen ersten Studiotätigkeiten rasant verändert habe, will der Familienvater nicht werten. «Ich habe 1993 mein erstes Studio gegründet und hatte das Glück, keine gröberen Fehlinvestitionen in die damals allmählich überholte Analogtechnik mehr gemacht zu haben», erinnert sich Widmer.

Er, der eigentlich eine Ausbildung an einer renommierten englischen Tontechnikerschule hätte machen wollen, wagte den Schritt in die frühe Selbständigkeit womöglich auch deshalb, weil sein Vater Eduard bereits dreissig Jahre zuvor das Gallus Tonstudio gegründet hatte. «Ich habe mich 1993 lange in Anglizismen verrannt und nach einem Namen für mein eigenes Studio gesucht, ehe mein Vater mir anbot, doch den Namen seines Studios zu übernehmen», blickt er dankbar zurück.

Schier ungläubig fügt Widmer die Erinnerung an die Studioarbeitstechniken der frühen Startjahre zusammen. «Digitale Mischpulte waren noch nicht brauchbar, und die Effizienz war natürlich eine deutlich tiefere als heute. Dafür waren die Bands besser vorbereitet, die Szene mit hundert aktiven Bands sicher farbiger. Die einzelnen Combos konnten ganze Songs ohne Nachbesserungen und Schnitte einspielen», erzählt der Tonmeister.

Obwohl Widmer die Denkweise der digitalen Studiotechnik bereits früh annahm, war an Harddisk-Recording noch nicht zu denken. Lächelnd erinnert er sich: «Ich war einer der ersten, der eine 2-Giga-Harddiskplatte besass und konnte immerhin schon zwei Produktionen parallel abspeichern.» Was heute einem Wegwerfdatenspeicherstick entspricht, war vor 15 Jahren ein rares High-Tech-Produkt.

Überhaupt seien die aktuellen Speicherkapazitäten für einen, der täglich damit arbeite, unglaublich billig und gross geworden. «Ich erinnere mich daran, dass die ersten CD-Rohlinge gegen die 100 Franken kosteten, heute ist das Verbrauchsmaterial.»

Für die aktuelle Studioarbeit waren die späten 90er-Jahre wegweisend. Die digitale Technik erlaubt nun Mehrspurverfahren und beschleunigte die Studioarbeit. Die Computer fanden nun ihren triumphalen Einzug auch in die Gallus Tonstudios.

«Mit der Markteinführung der DVD wurde die Gallus Media AG gegründet und die Bildbearbeitung fand Einzug ins Studio.» Die Arbeit für ihn und sein aktuell sechsköpfiges Team hat sich damit stark verändert. «Die Aufnahmearbeiten wurden etwas weniger, dafür hat der Bereich der Beratung, des Pressens von CDs, der grafischen Arbeit, des Marketings und der Distribution sowie der multimedialen Tätigkeiten zugenommen», umschreibt der Geschäftsführer das Wirkungsgebiet seines Unternehmens.

Die Abgrenzung zu den Homerecording-Verfahren sei im Studio heute nebst der sicher professionelleren Mikrofonierung, der Erfahrung und dem Know-how vielmehr ein philosophisches Grundverständnis: «Ich empfand mich immer als jene Person, die die Künstler entlasten sollte, also als Coach, als Techniker, der Ideen umsetzte. Wer Techniker und Künstler in einem sein will, belastet sich damit sicher stärker, als wenn er im Studio arbeitet», gibt der Routinier zu bedenken, der abseits der Studioarbeit weder im Auto noch sonstwo Musik hört.

«Mein Ohr arbeitet immer und kann ganz selten loslassen. Wenn mich etwas an Musik stört, und sei dies beim Einkaufen, bin ich sofort absorbiert.»

Grundessenz Leidenschaft

Die Gretchenfrage zuletzt: Sind die Aufnahmen mit der sich anbietenden, unbegrenzten Technik denn auch tatsächlich besser geworden? «Nicht unbedingt», sagt «Jowi» so spontan, dass er seine Irritation über gewisse Entwicklungen nicht verbergen kann.

Während er rein technisch das Aufkommen der mp3-Formate klanglich bemängelt und sich über undynamische Produktionen im Dauerhochpegelbereich ärgert, geht sein Argumentarium tiefer: «Studioarbeit war immer nur der Versuch, eine künstlerische Arbeit abzubilden. Für mich ist die Technik nur ein Werkzeug. Die Grundessenz ist die Leidenschaft und das echte Bauchgefühl des Künstlers. Leidenschaft kann man mit keiner Technologie kreieren. Und irgendwie ist das tröstlich.»

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