«Mein Highlight wartet backstage»

Die Fantastischen Vier treten auf ihrer Jubiläums-Tournée bei «Stars in Town» in Schaffhausen auf. Rapper Thomas D über 25 phantastische Jahre, Zeitreisen mit den Fans, vegane Ernährung und sein Überleben im Tsunami.

Reinhold Hönle
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Künstlerisch ambitioniert und doch zugänglich: Die Fantastischen Vier machten den deutschsprachigen Rap populär. (Bild: pd/Andreas Läsker)

Künstlerisch ambitioniert und doch zugänglich: Die Fantastischen Vier machten den deutschsprachigen Rap populär. (Bild: pd/Andreas Läsker)

Sie treten bei «Stars in Town» in der Schaffhauser Altstadt auf. Waren Sie schon mal am Rheinfall?

Thomas D: Leider nein, aber er muss beeindruckend sein. Ich werde versuchen, ihn zu besuchen. Leider sehen wir auf Tour selten viel mehr als die Bühne und den Backstagebereich.

Könnten Sie sich das als Topstars nicht anders einrichten?

Thomas D: Das ist nicht so einfach. Ausserdem sind die Interessen in unserer Band unterschiedlich. Smudo und Michi sind interessierte Städtereisende, die freie Zeit für den Besuch von Kulturstätten und Gourmetrestaurants nutzen. Für einen Museumsbesuch am Mittag hätte ich gar keinen Kopf, da meine Gedanken dann auf die abendliche Show fokussiert sind. Mein kulinarisches Highlight wartet nach dem Konzert backstage, wo es in der eigenen Küche das leckerste vegane Essen gibt, das man sich vorstellen kann.

Ihr wirkt auf Eurer Jubiläums-Tournée entspannt und lustvoll. Aus dem Gefühl heraus, nichts mehr beweisen zu müssen?

Thomas D: Ein Grund ist sicher das abwechslungsreiche Programm. Wir performen viele Lieder in gekürzter Form. Statt der dritten Strophe machen wir Übergänge zum nächsten Song, weshalb für uns keine Längen entstehen. Dem Publikum gefällt der Drive und uns alten Säcken wurde bewusst, was da in 25 Jahren an tollen Sachen gereift ist. So kommt richtig Spielfreude.

Die Fans schätzen sicher auch, dass Ihr die Lieder nicht so radikal neu interpretiert.

Thomas D: Als Künstler neigen wir schon dazu, Altes über Bord zu werfen, sich ständig neu erfinden zu wollen. Gleichzeitig ist uns bewusst, was unser Publikum erwartet, nämlich die Hits zu hören. Trotzdem haben wir «Die da», unseren ersten Hit, seit 20 Jahren nicht mehr gespielt – das wurde uns verziehen. Mittlerweile sind wir jedoch selbst so weit, dass wir ihn in einem Anflug von Nostalgie wieder ins Programm aufnehmen wollen. «Sie ist weg» oder «Ein Tag am Meer» sind sowieso Perlen, ohne die es nicht geht. Sie haben das Potenzial, Menschen auf eine Zeitreise zu schicken und sie in Erinnerungen schwelgen zu lassen. Das geht uns nicht anders und verbindet uns mit dem Publikum.

Wie wichtig sind Euch der Mix aus Album- und Single-Erfolgen?

Thomas D: Wir sind eindeutig eine Album-Band, obwohl es ein sterbendes Produkt ist. Mit Singles tun wir uns überaus schwer. Ich bewundere Menschen, die auf Kommando Singles raushauen können. Bei uns reflektiert jeder Song Erfahrungen aus einer gewissen Zeitspanne. Doch die Zeiten, wo Bands das Lebensgefühl einer ganzen Generation repräsentierten, sind definitiv vorbei.

Vor zwei Jahren wurden Sie nicht für Ihre Musik, sondern für Ihr Engagement zugunsten des Tierschutzes und gegen Rassismus mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Wie haben Sie das empfunden?

Thomas D: Ich empfand meinen Einsatz für den Tierschutz, die Schule in Afghanistan, die Grünhelme und andere Projekte kaum der Rede wert. Zuerst wollte ich die Auszeichnung nicht annehmen. Doch als ich erfuhr, dass sie bislang erst 1000 Menschen erhalten haben, und der Orden vom grünen Ministerpräsidenten Kretschmann übergeben würde, fühlte ich mich geehrt und ging zur Verleihung.

Haben Sie es bereut?

Thomas D: Nein, es gab berührende Momente mit anderen Ausgezeichneten, wie einer schwäbischen Hausfrau, die auf ihrer Joggingrunde einen Penner aufgelesen hatte, sich seiner annahm und ihm bei der Resozialisierung half. Es beeindruckte mich, dass diese Frau aus reiner Menschlichkeit, frei von jeglichem Kalkül gehandelt hat. Bei mir ist es etwas anders: Ich benutze meine Prominenz, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ein bestimmtes Thema zu lenken.

Sie leben seit langem in einer Landkommune. Was bedeutet Sie Ihnen?

Thomas D: Sie hat sich in den 15 Jahren, die sie besteht, verändert. Am Anfang waren wir zwölf Jungs und zwei Mädels – ein leicht chaotischer Haufen von Künstlern, Freaks und Andersdenkenden. Einige haben geheiratet, Kinder bekommen – so wie ich – andere sind weggezogen, weil sie das künstlerische Umfeld einer Stadt vermissten. Jetzt leben wir noch in einer Art Familienkommune, die aus mir, meiner Frau, unseren zwei Kindern und meinem Schwager plus Bertel besteht, meinem Studiopartner. Es ist also viel ruhiger geworden. Ich bin aber froh, dass die wilden Zeiten vorüber sind. Heute ist die Kommune für mich ein Ort des Rückzugs. Hier sammle ich neue Kraft, lasse mich von der Natur inspirieren und erfreue mich an unserem freien, bis zum Horizont reichenden Blick.

Sie sind Veganer. Wo endet Ihre Toleranz gegenüber anders Essenden?

Thomas D: Ich halte es mit einem Slogan in unserer Band: «Macht doch, was ihr wollt!» Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der nicht für sich in Anspruch nimmt, zu wissen, was für andere gut und richtig ist. Ich esse vegan, weil ich nicht will, dass Tiere gequält und getötet werden. Ich will niemandem sein Fleisch schlecht reden, sondern ein Beispiel dafür sein, dass es auch anders geht.

Empfinden Sie das als Verzicht?

Thomas D: Nein, ich lebe damit glücklich und bin überzeugt, dass sich der Trend fortsetzen wird. Jemand aus der Fleischindustrie sagte einmal, Fleisch sei die Zigarette der Zukunft. Dem schliesse ich mich an. Alle sind willkommen, ihre Ernährung zu überdenken, den Fleischkonsum einzuschränken oder zumindest beim Biobauern einzukaufen. Traurig finde ich es, wenn unreflektiert billigstes Fleisch konsumiert wird und das einzige Argument ist, «weil's schmeckt». Dort hört meine Toleranz auf.

Hat Ihre Tsunami-Erfahrung Ihr Verhältnis zum Glauben verändert?

Thomas D: Ja, auf jeden Fall! In der langen Zeit unter Wasser erlebte ich einen magischen Moment. Es war mir bewusst, dass ich keine Luft mehr zum Leben habe, falls ich ausatme. Ich geriet nicht in Panik, sondern blickte rational auf mein Leben zurück. Meiner Philosophie nach hat das Leben einen Sinn und jeder Mensch einen Auftrag. Ich dachte: Wenn es eine Bestimmung gibt, ein Karma, dann kann es noch nicht mein Ende sein. Dabei spürte ich den göttlichen Willen, mich weiterleben zu lassen; jede Zelle meines Körpers strebte danach, aufzutauchen. Das war ein psychedelischer Moment, in dem ich offenbar eine göttliche Verbindung hatte.

Wie haben Sie danach überlebt?

Thomas D: Wir wurden 4,5 Kilometer ins Landesinnere gespült, meine Frau, meine Tochter und ich. Es grenzt an ein Wunder, dass wir überlebt haben, sind doch damals zwei von drei Touristen in Khao Lak umgekommen.

Machten Sie sich danach Gedanken darüber, worin Ihre Bestimmung liegen mag, oder lassen Sie einfach alles auf sich zukommen?

Thomas D: Warum ich hierbleiben durfte, habe ich noch nicht herausgefunden. Meine Bestimmung bis dahin war klar: Solo und hauptsächlich mit der Band Musik machen, Texte schreiben und Alben aufnehmen. Nun warten in meinem Leben bestimmt noch paar weitere kleine Wellen und grosse Wogen auf mich, die lehren, erfreuen oder Schmerzen bereiten werden.