Thomas Brussigs neuer Roman: Mein Freund, der Waschbär

Erfolgsautor Thomas Brussig verwandelt zwei Jugendliche in Tiere und schaut dann satirisch zu, wie die Gesellschaft auf sie reagiert.

Valeria Heintges
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Thomas Brussig. (Foto: pd)

Thomas Brussig. (Foto: pd)

Er hat es wirklich gemacht. Thomas Brussig hat ein Buch geschrieben, in dem der Fall der Mauer überhaupt keine Rolle spielt. Brussig, der sich als Theater- und Buchautor und als Drehbuchschreiber berühmt geschrieben hat und es mit «Helden wie wir» sogar in alle drei Formate schaffte, gilt spätestens seit seinem Drehbuch für Leander Haussmanns Film «Das kürzere Ende der Sonnenallee», aus dem er im Nachhinein auch noch einen Roman bastelte, als Spezialist für die komische Auseinandersetzung mit der DDR.

Brussigs neuer Roman «Die Verwandelten» spielt zwar noch in Mecklenburg-Vorpommern, aber die beiden Helden, Fibi und Aram, sind gerade einmal 16 Jahre alt – die Wende ist ihnen damit herzlich egal. Brussigs anderem Lieblingsthema, dem Fussball, den er bereits «Leben bis Männer» und in «Schiedsrichter fertig. Eine Litanei» widmete, bleibt der Autor hingegen treu: Aram ist fanatischer Fussballer. Jedenfalls solange er noch spielen kann.

Zunächst sind Fibi und Aram zwei total normale Jugendliche mit Flausen im Kopf – und mit Internet. Und das hilft den beiden, ihre verrückte Idee umzusetzen, sich in Waschbären zu verwandeln. Fünf verschiedene Beerensorten in ein Blatt gerollt und gegessen, dann ab in eine Autowaschanlage – fertig ist die Anleitung zur Verwandlung in einen Waschbären.

Wunderbar rotzfrech und spontan

Auf 326 Seiten macht sich Thomas Brussig Gedanken, was nun mit den beiden zu Waschbären gewordenen Menschen werden könnte. Während Fibi weiterhin quasselt, wie sie es als Mensch auch getan hat – und das ist wunderbar rotzfrech und spontan – wird Aram zum maulfaulen Tier, das nicht einmal mit seinen Eltern redet. Voraussetzung genug, um Fibi eine grosse Karriere kredenzen zu können, anwaltlich abgesichert, von liebenden Eltern umgeben – und bald auch von -zig Kameras, die jeden ihrer Schritte in eine Vorabendserie übertragen. Aram hingegen muss seinen Traum vom Probetraining begraben, er schiesst noch den einen oder anderen Seitfallzieher und muss dann erkennen, dass Waschbärendasein und Fussball nicht recht zusammengehen.

Also entscheidet er sich für seine tierische Seite – und Tiere reden nun mal nicht. Bald schon macht er nicht einmal Fibi gegenüber das Maul auf – das ist schade, gelingt es Brussig bis dahin doch beeindruckend, die beiden schnoddrig-coolen Jugendliche miteinander kabbeln und streiten zu lassen und das äusserst echt klingen zu lassen. Brussig ist allerdings nicht der Autor für die tiefschürfenden Werke. Ihm geht es nicht um philosophische Fragen wie den Unterschied zwischen Mensch und Tier und Verhältnis beider zueinander oder ähnliche Fragen, die die Situation aufwerfen könnte.

Lieber nutzt er seine Versuchsanordnung, um ein fast schon kabarettistisches Bild der Gesellschaft zu zeichnen. Bei ihm sind am Schluss auch so freundlich-liebevolle Menschen wie Fibis Mutter Wiebke Hüveland von der Gier nach Geld getrieben; ihr Mann Hilmar denkt zusätzlich noch daran, seinen Ruhm als Bürgermeister zu mehren. Dazu kommen eine geschäftstüchtige Fernsehchefin, ein abgehalfterter Comedian, ein karrieregeiler Arzt und Arams Eltern, die ohnehin mehr von der einfachen Sorte sind. Das ist flott geschrieben, hat auch Witz und Drive. Aber für 326 Seiten ist es auf Dauer dann doch ein bisschen zu schwach auf der Brust.

Thomas Brussig Die Verwandelten, Wallstein Verlag, 326 Seiten.