Interview

Mehr Künstlerinnen in die Museen? «Eine Quote müsste breiter gedacht sein»

Nina Zimmer bringt als Direktorin des Kunstmuseums und des Zentrums Paul Klee in Bern Künstlerinnen ans Licht. Ein Gespräch über Quoten, Werte und die Aufgaben eines Museums.

Sabine Altorfer
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Nina Zimmer ist seit 2016 Direktorin des Kunstmuseums und des Zentrums Paul Klee in Bern.

Nina Zimmer ist seit 2016 Direktorin des Kunstmuseums und des Zentrums Paul Klee in Bern.

Bild: zvg

Aktuell kann man in Bern Lee Krasner wie auch die Japan-Bernerin Teruko Yokoi sehen, im Juni folgt Annemarie Schwarzenbach als Fotografin, und letztes Jahr bekam Miriam Cahn endlich wieder eine Plattform. Künstlerinnen haben mit Nina Zimmer in Bern also eine gute Anwältin. Ihre Sporen abverdient hat sie in Basel aber mit Männerausstellungen, etwa über van Gogh.

Ihre letzte Ausstellung in Basel 2016 galt Jackson Pollock, dem berühmten Ehemann von Lee Krasner. Warum er und nicht sie?

Nina Zimmer: Beide Künstler liegen mir sehr am Herzen. Man kann den einen nicht gegen die andere ausspielen. Als Kuratorin am Kunstmuseum hat man natürlich weniger Einfluss auf das Gesamtprogramm als ein Direktor.

Lee Krasner und Jackson Pollock konnte man 1989 in Bern in einer der legendären «Künstlerpaare»-Ausstellungen von Sandor Kuthy sehen. Sie sei die schlechtere Künstlerin, ihm unterlegen, hiess es damals in der «NZZ». Richtig?

Nein. Ich glaube, die jetzige Ausstellung beweist sehr anschaulich, welch starke und überraschende Künstlerin sie war. Ihr Werk war in seiner Gesamtheit einfach zu wenig präsent.

Dass Sie die Ausstellung im Zen­trum Paul Klee und nicht im Museum präsentieren, dünkt mich etwas schräg.

Weil die beiden Häuser jetzt verbunden sind, sind wir flexibler. Die grossen Formate von Lee Krasner bekommen im grossen Ausstellungssaal von Renzo Piano unglaublich Kraft. Und die Hieroglyphen-Bilder Krasners lassen sehr wohl ihre Kenntnis von Klee spüren.

Und Sie bessern damit die schwache Frauenquote im Zentrum Paul Klee auf.

(verwirft die Hände)

Wir leiden im Zentrum Paul Klee unter der Statistik! Dass hier mehr männliche Kunst gezeigt wird, liegt einfach daran, dass wir Paul Klee zeigen. Im Van-Gogh-Museum wird man immer van Gogh zeigen, im Munch-Museum immer Edvard Munch. Messen müsste man, wie viele weibliche Positionen man im frei disponierbaren Programm zeigt.

Künstlerinnen haben in Ihrem Programm und nach Gurlitt Gewicht bekommen, vor allem Wiederentdeckungen. Warum?

Was mich stark antreibt, ist die Arbeit am Kanon. Die geltende Kunstgeschichte zu überprüfen, ist eine Aufgabe der grossen Institutionen. Zeigen wir die richtigen Künstler? Was zeigt unsere Auswahl über unseren Blick auf die Kunstgeschichte? Man muss sie nicht auf den Kopf stellen, aber immer mal wieder an den angeblichen Pfeilern rütteln. Oder ihnen neue hinzufügen. Dahinter steckt für mich ein Interesse an Diversität. Wir wollen Frauenpositionen berücksichtigen – aber die Klammer breiter und grösser denken. Mit El Anatsui zeigen wir im März eine der ersten Einzelausstellungen eines schwarzafrikanischen Künstlers in einem Schweizer Museum.

Aktuell wird über Frauenquoten für Ausstellungen debattiert, eine Briefaktion ans Kunsthaus Zürich lanciert. Wie stehen Sie zu Quoten?

Ich finde sie eine interessante Frage an die Politik. Das einzige Regelungsinstrument wäre, die Subventionen mit einer Quote zu verbinden. Die Politik muss diskutieren, ob sie so Einfluss nehmen will. Aber eine Quote müsste breiter gedacht werden. Gilt sie fürs Programm und Ankäufe oder auch für die Aufsichts- und Stiftungsräte, fürs Personal? Ich wäre nicht zufrieden, wenn es nur eine symbolische Lösung und allein eine verpflichtende Quote aufs Programm wäre.

In den Sammlungen sieht es punkto Frauenquote und Diversität noch öder aus. Müsste da nicht ein Effort passieren? Auch mit lokalem Blick?

Ja. Im Kunstmuseum zeigen wir mit «Alles zerfällt» Schweizer Kunst aus unserer Sammlung, wo wir weibliche Positionen sehr prominent eingesetzt haben, damit man die Qualitäten sieht. Bei der Ankaufspolitik legen wir einen Fokus darauf. Kaum mehr Gegensteuer geben kann man bei der Kunst der früheren Jahrhunderte, als die Ausbildungs- und Produktionsbedingungen die Frauen ausgeschlossen haben.

Die zudem sehr schnell vergessen gingen – selbst Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.

Ja, es ist längst noch nicht alles aufgearbeitet, was es in der Schweiz an interessanten Positionen gab. Da können wir noch Schätze heben, das ist toll.

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