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Mehr Frust als Lust an der Schweiz: Intellektuelle zum 1. August

Am 1. August wird wieder im ganzen Land öffentliche nationale Nachdenklichkeit zelebriert. Auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller äussern sich seit je zur Lage der Nation. Spannend und erfrischend sind die Stimmen von Migrantinnen.
Hansruedi Kugler
Im Swissminiature in Melide wird die Schweiz als Museum inszeniert. (Bild: Gabriele Putzu)

Im Swissminiature in Melide wird die Schweiz als Museum inszeniert. (Bild: Gabriele Putzu)

Wird man am Donnerstag die Schweiz als Gefängnis, als verluderten Staat und als wahnsinnig beschimpfen? Schliesslich sind die 1.-August-Reden seit vielen Jahren eine geistige Standortbestimmung. Man wird wohl hauptsächlich gemässigte, ausgleichende Reden hören, die den konservativen Werten, dem Heimatgefühl im Dorf Respekt zollen und gleichzeitig eine weltoffene Schweiz begrüssen. Trotzdem mag sich der eine oder andere Redner den frischgebackenen Büchnerpreisträger Lukas Bärfuss zum Vorbild nehmen für ein saftiges Schweiz-Bashing.

Ruppige Reden bleiben in Erinnerung

Haben sich Schweizer Literaten zur Schweiz geäussert, blieben ohnehin eher die ruppigen Reden haften. Etwa die Schweiz als Gefängnis und die Schweizer als ihre eigenen Gefängniswärter. Friedrich Dürrenmatt hatte das harsche Urteil 1990 in einer Lobrede auf den ehemaligen tschechischen Dissidenten und Staatspräsidenten Vaclav Havel benutzt.

«Weil sie nur im Gefängnis sicher sind, fühlen sich die Schweizer frei im Gefängnis ihrer Neutralität.» (Friedrich Dürrenmatt)

Oder Max Frischs Wutrede von der Schweiz als «verluderter Staat» 1991, als er im Fichenskandal erfuhr, dass er jahrzehntelang bespitzelt worden war. Daraufhin wies er seine Teilnahme am 700-Jahr-Jubiläum barsch zurück. Er habe den letzten Rest an Staatstreue verloren. Oder Lukas Bärfuss, der 2015 titelte «Die Schweiz ist des Wahnsinns» und damit krankhafte Realitätsverweigerung und selbstgefälliges Abseitsstehen von der EU meinte.

«Das Land ist auf dem falschen, rechten Weg. Mit der Kultur geht es bergab und mit den Medien auch.» (Lukas Bärfuss)

Ein Versteck von Profiteuren

Letzteres war nicht besonders originell. Peter Bichsel beklagt seit Jahrzehnten den Zynismus der vermeintlich Unschuldigen.

«Der grösste Feind der Unschuld ist die Wahrheit. Und dieses Land ist das Land der Unschuldigen ...» (Peter Bichsel)

Die Schweiz als Hort der Demokratie, Neutralität und Menschenrechte? Schon, aber eben auch ein Versteck von Profiteuren, meint Bichsel, die Kritik allerdings formuliert mit seiner unverwechselbaren Freundlichkeit, was die öffentliche Aufregung in Grenzen hielt. Man ist versucht zu sagen: Gut so. Denn vergleicht man mit der Nachkriegsliteratur Deutschlands und Österreichs, wird schnell klar: Die Wut von Heinrich Böll, Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek, die stark auf der Nazivergangenheit basierten, wäre für Schweizer Autoren unangemessen.

Max Frischs Wandel vom Nationalisten zum Schweizkritiker

Verbale Prügel hat die Schweiz von seinen Schriftstellern trotzdem oft einstecken müssen. Sind das nun allesamt Nörgler, die am Erfolgsmodell Schweiz herummäkeln? Schon das Beispiel von Max Frisch zeigt, dass dies keine Konstante ist. Der junge Frisch war ein glühender Nationalist, der sich 1938 ein Theater wünschte, das «an die gesunden Kräfte rührt, die in unserem Volke sind» und der 1939 an der Landesausstellung «von einem Entzücken ins andere» taumelte.

«Wir wollen die Schweiz nicht als Museum, als Tresor, sondern als ein kleines, aktives Land, das zur Welt gehört.» (Max Frisch)

1955 aber schreibt er: «Wir wollen nicht die Schweiz als Museum, als Altersasyl, als Tresor, als Treffpunkt der Krämer und Spitzel, als Idylle; sondern wir wollen die Schweiz als ein kleines, aber aktives Land, das zur Welt gehört.» In diesem Satz steckt im Grunde bereits alles, was danach an Schweiz-Kritik folgen wird, bis und mit Lukas Bärfuss. Frisch hat seine Wende mit der Erfahrung im Militär, der Ausländerfrage, mit der Bodenspekulation, die er als Architekt kritisierte, und mit seinen Reisen im zerstörten Nachkriegseuropa erklärt. Allergisch gegen Unterdrückung, Ausgrenzung und Ausbeutung, kam denn auch sein Einsatz für Gastarbeiter der traditionellen Rolle des öffentlichen Intellektuellen am nächsten: Dieser Begriff geht auf den französischen Schriftsteller Emile Zola zurück, der 1898 in einem offenen Brief «J’accuse» gegen die Vorverurteilung des jüdischen Hauptmanns Alfred Dreyfus protestierte, der wegen Spionage angeklagt war. Zolas Kritik an Justiz und Armeeführung löste eine heftige Diskussion über Antisemitismus aus.

Carl Spitteler ruft zur Einheit auf

In der Schweiz dreht sich das intellektuelle Karussell hingegen seit jeher zumeist um das Selbstbild und die Zukunftsfähigkeit des Landes. Exemplarisch hat Carl Spitteler in seiner berühmten Rede «Unser Schweizer Standpunkt» 1914 die Rolle des Intellektuellen beschrieben: Aus der Einsamkeit erfülle er als bescheidener Privatmann seine Bürgerpflicht, um einem «unerquicklichen Zustand» entgegenzuwirken. Das drohende Auseinanderdriften der Landesteile während des Ersten Weltkriegs wegen der jeweiligen Loyalität zu Deutschland und Frankreich liess ihn die Einheit der Schweiz beschwören, zur Neutralität mahnen und an den Respekt vor Minderheiten erinnern.

«Wäre die Minorität noch zehnmal minder, so würde sie uns dennoch wichtig wägen.» (Carl Spitteler)

Gottfried Kellers Weg zum Kapitalismuskritiker

Ähnlich wie Max Frisch hat Gottfried Keller ein Jahrhundert zuvor einen spektakulären Wandel seiner politischen Einstellung durchgemacht. Zuerst begeisterter Fürsprecher der republikanischen, liberalen Neugestaltung der Schweiz um 1848, wird er im Alter immer mehr zum Kritiker eines diesem Liberalismus entsprungenen Kapitalismus, dem er skrupellose Gewinnsucht vorwirft. So forderte er beispielsweise ein Verbot der Kinderarbeit und war damit für ein Eingreifen des Staates in die unternehmerische Freiheit.

«Der denkende und menschenfreundliche Staat sieht 50 Jahre weiter und erblickt ein verkümmertes Geschlecht.» (Gottfried Keller)

Die Presse: Erst gegen, dann für die Kritiker

Bemerkenswert ist die publizistische Wende in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Frisch und Dürrenmatt hatten mit ihrer Schweiz-Kritik einen grossen Teil der Presse gegen sich. Max Frisch und die NZZ polemisierten ständig gegeneinander. Nach 1968 kam es allmählich zu einer Verschiebung zu einem «links-liberalen Konsens», wie es Peter von Matt in einem «Tages-Anzeiger»-Interview ausdrückte: «Positionen, die während des Kalten Krieges noch isoliert waren, wurden Mainstream. Dagegen opponiert heute die nationalkonservative Bewegung.»

Thomas Hürlimann als Konservativer

So kommt es auch, dass Thomas Hürlimanns Position eines EU-Verächters in den Reihen der sich politisch äussernden Schriftsteller eine Ausnahme bildet. «Für uns Schweizer passiert das Entscheidende in der Gemeinde. Da weiss jeder Bescheid, da kann jeder mitreden, also ist es keine Gelddiktatur. In Frankreich oder in Deutschland hingegen wird von oben nach unten regiert. Deshalb verstehen wir uns beim Thema EU nicht» sagte er kürzlich zur NZZ, und meinte mit «wir» ziemlich viele Schweizer Schriftstellerkollegen. Und in einem Interview mit dem «Blick» sagte er, sicher zur Freude vieler SVP-Politiker: «Die EU sowjetisiert sich mehr und mehr.»

«Für Schweizer passiert das Entscheidende in der Gemeinde. Da kann jeder mitreden, also ist es keine Gelddiktatur.» (Thomas Hürlimann)

Die Migrantinnen mit einem frischen Aussenblick

Besonders aufschlussreich ist der Seitenblick zu Autorinnen und Autoren mit Migrationserfahrung.

«Die Schweiz ist das Land, wo ich mich elementar entspannt fühle. Ich habe hier keine Angst.» (Sibylle Berg)

Erfrischend etwa die in der DDR aufgewachsene Sibylle Berg, ein bekennender Schweiz-Fan: «Es ist das Land, wo ich mich elementar entspannt fühle. Ich habe hier keine Angst. Die Menschen sind sehr nett hier und lustig.» Das hindert sie aber nicht, spöttisch über die von Gefühlen bestimmte Abstimmung zum Minarettverbot zu schreiben und ein Referendum gegen Versicherungsdetektive zu lancieren.

Kritik am Einfluss des Geldes auf die Politik

Buchpreisgewinnerin Melinda Nadj Abonji, die in Jugoslawien geboren ist, hat sich öfters mit Essays zur Tagespolitik geäussert, vorwiegend als Kritikerin rechtskonservativer Politik: «Ein paar millionenschwere Männer gebärden sich demokratisch, um die Menschen dazu zu bringen, eine Politik zu unterstützen, die im Grunde gegen ihre eigenen Interessen gerichtet ist.»

«Millionenschwere Männer bringen Menschen dazu, eine Politik gegen ihre eigenen Interessen zu unterstützen.» (Melinda Nadj Abonji)

Die beiden Beispiele zeigen: Auch der frische Blick von aussen teilt sich in die Liebe zur kleinräumig definierten Heimat im konkreten Alltag und die wache Kritik an den politischen Zuständen.

Neuer Gesellschaftsvertrag für Multikulti-Realität?

«Das Dazugehören muss täglich neu erkämpft und bewiesen werden», schreibt die 1968 aus der Tschechoslowakei geflüchtete Irena Brezna und schlägt ein neues Manifest vor.

«Und Sie, sind Sie integriert in die neue, multikulturelle Schweiz?» (Irena Brezna)

Sie fragt die Schweizer: «Und Sie, sind Sie integriert in die neue, multikulturelle Schweiz?» Die Einwanderungsgesellschaft Schweiz bräuchte einen neuen Gesellschaftsvertrag. Und geht damit über die Kritik hinaus in eine reale Utopie. Im Basler Schwimmbad sei ihr Gesellschaftsideal schon verwirklicht. Dutzende Sprachen, und alle würden sich an die Regeln halten. Was für ein frischer, konstruktiver Kontrast zur rabiaten Rhetorik eines Lukas Bärfuss.

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