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Mehr als nur Fusspflege

Katja Oskamp erklärt in ihrem Buch ihre Liebe zu einem Berliner Quartier und seinen Menschen. Das ist witzig und geht nicht ohne Demut.
Bernadette Conrad

«Komm se rin!», sagt die Fusspflegerin zu Erwin Fritzsche. Kommen Sie herein! Es «berlinern» alle, die den Kosmetik- und Fusspflegesalon im Erdgeschoss eines achtzehngeschossigen Hochhauses aufsuchen – etliche von ihnen haben das ganze Leben in Berlin und auch in dieser nicht gerade für ihre Schönheit berühmten Ecke der deutschen Hauptstadt verbracht. Marzahn, mon amour – kann das ernst gemeint sein?

Der Buchumschlag bildet ab, was man mit Marzahn- Hellersdorf, dem am nordöstlichen Stadtrand Berlins gelegenen Stadtteil, gemeinhin verbindet: das Raster einer Hochhausfront, mehr als zwanzig Etagen, Wohnung an Wohnung. Dass hier Hochhäuser zuhauf stehen, sich darüber hinaus Alter, Armut und Prekariat hier verdichten, ist nicht nur Klischee. Die Schriftstellerin Katja Oskamp, 49, in Leipzig aufgewachsen, hat Marzahn-Hellersdorf frontal genommen, das Klischee ebenso wie die Wirklichkeit.

Als sie Mitte 40 war – «das Kind flügge, der Mann krank, die Schreiberei mehr als fragwürdig»; als sie «etwas Bitteres vor sich hergetragen hatte», entschied sie sich für eine Ausbildung zur Fusspflegerin und zur Arbeit im Kosmetiksalon. Zunächst, so erzählt sie, habe sie niemandem von ihrer Umschulung erzählt. Als sie es doch tat, schlugen ihr «Ekel, Unverständnis und schwer zu ertragendes Mitleid entgegen. Von der Schriftstellerin zur Fusspflegerin – ein fulminanter Absturz». Ob etwas in ihr ahnte, dass es genau dieser mutige Umweg sein würde, der sie zu einem unvergleichlichen Buch führen würde?

Sexsüchtiger SED-Funktionär, Wellness für Demenzkranken

«Komm se rin!» Es kommt die Frau Blumeier – Polio, Rollstuhl –, die der Fusspflegerin ihre zarten Kinderfüsschen entgegenstreckt. Es kommt Herr Paulke, «Marzahner Ureinwohner» seit 1983, der in seinem Leben so viel geschleppt hat, dass er an immer neuen Stellen «reparaturbedürftig» ist. Dass die Fusspflegerin seine Füsse – «wie verwitterte Steine» – bald mochte, nachdem sie sich anfangs darüber erschreckt hatte, hat damit zu tun, dass Herr Paulke den «Massakrierungen des Alters mit Anstand im Leib, fatalistischem Witz und Demut» begegnet. Regelmässig kommt Herr Pietsch, ehemals SED-Parteifunktionär, der immer noch mit Kommandantenton durchs Leben geht – auch im Moment, als sie, freundlich wie immer, sein Angebot zurückweist, als Nummer 52 den bislang 51 sexuellen Kontakten in Herrn Pietschs Leben hinzugefügt zu werden.

Die Welt von unten betrachtet

Fusspflegerin in Marzahn zu sein, das lernen wir in diesem Buch, ist ein sehr direkter Weg zu den Menschen – und hinter die Klischees. Es dauert nicht lange, bis man Katja Oskamps Liebeserklärung versteht. Sie hatte nicht nur die Kenntnisse der Fusspflege mitgebracht, sondern ihr Interesse an Lebensgeschichten und eine Menschenfreundlichkeit, die sich gerade an einem Ort wie Marzahn mit Leuten verbindet, die keine angestrengte Fassade vor sich hertragen, weder Hipster sind noch gestresster Manager, weder Alt-Hippie noch Neureicher; die statt Eitelkeit Humor zu bieten haben und denen die Fusspflegerin meist ein Leben voll Arbeit und ohne gutes Schuhwerk an den Füssen abliest.

Es wird viel gelacht in den Geschichten. Es wird gestorben; es wird Hartes beim Namen genannt, und es wird auch von sehr unsympathischen Menschen erzählt. Wer wie Katja Oskamp bereit ist, in die Knie zu gehen, um die Welt und die Menschen von unten zu betrachten, hat eine gute Chance, den Horizont in alle Richtungen zu erweitern. Auch als Schriftstellerin gründlich, sind ihre Texte ausgefeilt und aufs Wichtige verknappt.

Worum geht es? «Du bist fast fünfzig und hast begriffen, dass du Dinge, die du tun willst, jetzt tun solltest, nicht später», heisst es gegen Ende des Buches. 3800 Füsse hat sie bisher gepflegt. «Du lachst die ganze Zeit, du denkst die ganze Zeit nach und siehst ihnen manchmal in die Augen.» Die Liebe, so sagt sie, sei «flüssig geworden und passt in die unwahrscheinlichsten Zwischenräume …» Katja Oskamps literarisches Marzahn ist ein Ort, den man unbedingt aufsuchen sollte; ein Ort, an dem Humor und Sorgfalt und Würdigung zusammen etwas ergeben, das man kritische Menschenliebe nennen könnte.

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