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Psychodrama in der Lokremise um manisch-depressiven Lehrer

Den Karrieresprung vor Augen wird Lehrer Rupp von seiner manisch-depressiven Erkrankung eingeholt. «Versetzung» zeigt in der Lokremise St. Gallen, wie einer in die Rolle des Kranken gezwängt wird und kaputtgeht.
Hansruedi Kugler
Wer ist hier verrückt? Die intriganten Lehrerkollegen (Bruno Riedl, Tobias Graupner, Catriona Guggenbühl) verbiegen und verdrehen sich wie mechanische Puppen um Ronald Rupp (Fabian Müller). (Bild: Tanja Dorendorf)

Wer ist hier verrückt? Die intriganten Lehrerkollegen (Bruno Riedl, Tobias Graupner, Catriona Guggenbühl) verbiegen und verdrehen sich wie mechanische Puppen um Ronald Rupp (Fabian Müller). (Bild: Tanja Dorendorf)

«Es ist keine Schande, zum Opfer zu werden. Aber eine Schande ist es, zum Täter zu werden.» Gymnasiallehrer Ronald Rupp (Fabian Müller), cool-elegant gekleidet, Typ Hipster, hält seiner Klasse ein eindringliches Referat über den Opferbegriff. Locker-witzig macht er das, sehr sympathisch. Die Klasse, das sind wir im Publikum. Wir sind sofort auf seiner Seite. «Und Worte sind Taten», sagt er. Das ist nicht nur eine Seh- und Höranleitung für das Publikum, sondern auch eine prophetische Aussage auf seine eigene Tragödie, die ihn in den kommenden zwei Stunden mit steigender Spannung einholen wird.

Fabian Müller und Pascale Pfeuti als Ehepaar Rupp. (Bild: Tanja Dorendorf)


Fabian Müller und Pascale Pfeuti als Ehepaar Rupp. (Bild: Tanja Dorendorf)

Ronald ist ein beliebter Lehrer, mit Empathie und Begeisterung für seinen Beruf, er jongliert hilfsbereit mit allen möglichen Aufgaben. Er ist einer, der sich sogar um die schwierigen Schüler anderer Klassen kümmert. Deshalb schlägt ihn der Rektor als Nachfolger vor. Nur die Milch auf der Einkaufsliste seiner Frau hat Rupp vergessen. Man ahnt, es ist ein Warnsignal. Auch ein unheilschwangerer Aussetzer: Wenn er seiner Ehefrau im Nebensatz vorwirft, es nur auf sein Geld abgesehen zu haben. Gesund ist er nicht, aber: «Medikamente sind mein Glück.» Fabian Müller stehen schon bei der Eingangsszene Schweissperlen auf der Stirn. Dass diese auch von der überheizten Lokremise verursacht sind, kommt seiner Rolle entgegen. Nach zwei Stunden liegt er schweissnass am Boden. Zusammengerollt, ein Stück Elend.

Zwischen Psychiatrie-Lehrbuch und packendem Verfall

Der Rückfall in die Krankheit ist das Resultat der Verdächtigungen, Boshaftigkeit, Feigheit seiner Kollegen und der Verzweiflung seiner schwangeren Ehefrau. Sein Krankheitsouting wird ihm nichts nutzen. Die zynische Ironie der Umzingelung: Der einzig lebendige Charakter ist der Kranke, nämlich Lehrer Rupp. Die anderen werden, im Moment, wie sie ihn fallen lassen, zu mechanischen Puppen ihres Wankelmuts, ihrer Boshaftigkeit, ihrem Karrierestreben. In diesen Szenen scheint das choreografische Talent von Regisseur Jonas Knecht besonders auf.

Die leergeräumte Bühne in der Lokremise. (Bild: Tanja Dorendorf)

Die leergeräumte Bühne in der Lokremise. (Bild: Tanja Dorendorf)

Die leergeräumte Bühne ist halbkreisartig umrahmt von weissen Plastikbahnen. Man mag darin eine Laborsituation einer Psychostudie sehen oder das Innere eines Schädels, allmählich umschwirrt von Einflüsterung und Verhöhnung. Ein paar Schülerstühle markieren das Schulzimmer, ein Chefsessel das Rektoratsbüro, eine Sitzbank das Wohnzimmer von Lehrer Rupp. Nico Feers sphärische bis lüpfige Gitarrenmusik markiert mal ausgelassene Feierstimmung, mal eine klaustrophische Atmosphäre. Die klar gezeichneten Szenen mit oft etwas zu dichten Texten und Monologen werden so in der extrem nüchternen Bühne trotzdem emotional aufgeladen.

Nico Feer sorgt für atmosphärisch dichten Klanghintergrund. (Bild: Tanja Dorendorf)

Nico Feer sorgt für atmosphärisch dichten Klanghintergrund. (Bild: Tanja Dorendorf)

Denn hier wird kein rührseliges Sozialdrama geboten, sondern eine phasenweise etwas gar nach Psychiatrielehrbuch riechende, aber packende Studie eines Verfalls. Man weiss danach etliches mehr über Manisch-Depressive und hat einen fabelhaften Fabian Müller gesehen. Die Verantwortung im Umgang mit psychisch Kranken tritt in Jonas Knechts Inszenierung ins Zentrum – mit einem tollen Ensemble: Bruno Riedl als gönnerhafter, wankelmütiger Rektor, Tobias Graupner als boshaft-triebunterdrückter Physiklehrer und Intrigant, Catriona Guggenbühl erst loyale, dann schroffe Karrieristin und Philosophielehrerin, Oliver Losehand als Verschwörungstheoretiker und Elternsprecher, Pascale Pfeuti als missverstandene Gattin, Seraphina Maria Schweiger in einer Doppelrolle als verschrobene Ex-Geliebte und als Musterschülerin Sarah und Stefan Schönholzer als Problemschüler.

Vorstellungen

bis 23.11., Lokremise St.Gallen

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