Max Tobler will weg

LESBAR BIOGRAPHIE

Rolf App
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Bild: Rolf App

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Das Fass zum Überlaufen bringt bei Toblers in St. Gallen, als ihr Sohn Max beschliesst, dem Abstinentenverein Humanitas an seiner Mittelschule beizutreten. Lange hat der Vater geschwiegen. Jetzt sucht er das Gespräch und erklärt, «so junge Leute wie wir sollen nicht glauben, sie seien klüger als die erwachsenen Menschen und hätten die Welt zu verbessern. Das seien überspannte Ideen, die zu nichts Gutem führen.» Und diese Humanitas, «das sind alles frühreife Leute, die über Sachen reden, von denen sie noch nichts verstehen. Die sollen ja Sozialdemokraten sein. Weisst du das?» Max Tobler weiss es wohl, aber der Vater kann sich nicht durchsetzen. Max wird Zoologie studieren, dann aber zum Kampf für eine gerechtere und freiere Gesellschaft aufbrechen. 1902 reist er nach England, das ist der Wendepunkt. Das Leben dieses frühen Verfechters der Frauenrechte, der 1929 53jährig stirbt, wäre vergessen, hätte nicht Christian Hadorn Toblers Autobiographie aufgestöbert und sie in die Geschichte der frühen Arbeiterbewegung eingeordnet. Toblers Schilderung bricht 1903 ab, doch die Beschreibung seiner Kindheit und Jugend in St. Gallen könnte farbiger nicht sein. Als er das Gymnasium fertig hat, will er nichts wie weg aus seiner Heimatstadt, in der ihm «alles mit der Familie verwachsen schien».

Max Tobler: «Die Welt riss mich» – Aus der Jugend eines feinsinnigen Rebellen (1876–1929), herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Christian Hadorn, Chronos 2015, 371 S., Fr. 48.90

Der Aussenseiter

1846 kommt er an die Wiener Geburtsklinik, drei Jahre später schon muss Ignaz Semmelweis gehen. Er hat eine Erklärung dafür, warum so viele Mütter nach der Geburt ihrer Kinder sterben. Seine Kollegen wollen nicht glauben, dass gründliches Händewaschen nützen würde. So müssen weitere Zehntausende von Müttern sterben, bis diese Ansicht sich durchsetzt. Die Politikwissenschafterin Anna Durnová beschreibt den Fall als beispielhaft für den Fortschritt in der Medizin – und für die Hindernisse auf diesem Weg. Für Zeitgenossen stellten die Stellungnahmen von Semmelweis «eine unnötige Hysterie dar, denn offensichtliche Beweise fehlten». Und: Bis heute wecken Mahnungen zur Hygiene Widerstand. Zuletzt während der Schweinegrippe-Epidemie 2009. Es sei «die gleiche Spannung zwischen Verharmlosung und Hysterie» gewesen, die auch rund um das Kindbettfieber entstanden sei. Dass Semmelweis ein Aussenseiter ist, erschwert seinen Kampf zusätzlich.

Anna Durnová: In den Händen der Ärzte – Ignaz Semmelweis, Pionier der Hygiene, Residenz 2015, 242 S., Fr. 34.90

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