Kolumne

«Max liest»-Kolumne: Darum sollten wir anderen Meinungen gegenüber tolerant sein

Unser Autor Max Rüdlinger schreibt diese Woche über seine Erkenntnisse aus dem neuen Buch der gerade gekürten Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk.

Max Rüdlinger
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Max RüdlingerBild: CH Media

Max Rüdlinger
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Kant soll gesagt haben, der Mensch sei ein Wesen, das sich Fragen stelle, die es nicht beantworten könne. Nehmen wir die von Leibniz gestellte Frage aller Fragen: Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Wahrlich, nicht einfach. Und weil das so ist, untersteht der Mensch dem Zwang zu glauben. Um sich einen Reim auf Gott, die Welt und die menschliche Existenz zu machen, glaubt einer dies und ein anderer das. Wir können nicht an nichts glauben. Menschen, die behaupten, sie würden an nichts glauben, haben nur noch nicht entdeckt, an was sie eigentlich glauben.

Sehr oft stellt sich heraus, dass es sich dabei umso originelle Dinge wie ihr Bankkonto, ihre Familie oder Ähnliches handelt. Selbst wenn es möglich wäre, an nichts zu glauben, wäre das immer noch ein Glaube. Die Welt besteht weniger aus Atomen als vielmehr aus Geschichten (Muriel Rukeyser). Wir erzählen einander Geschichten, um mit unserer Existenz zu Rande zu kommen.

Die Religion, die Philosophie, die Wissenschaft erzählen uns Geschichten. Selbstverständlich erzählt uns die Geschichte Geschichten und – selbstdeklariert – erzählen uns die Geschichtenerzähler Geschichten, und nicht einmal die schlechtesten. Habe ich eine Wahl, so glaube und nehme ich als Wahrheit, was mir auf welche Art auch immer einleuchtet. Dabei ist zu beachten, dass das, was man glaubt, die Tendenz hat, real zu werden. Realität ist aber keineswegs das Gleiche wie Wirklichkeit.

Weil wir als beschränkte Wesen stets auch Gläubige sind, geht es mir nicht in den Kopf, dass Gläubige andere Gläubige als Sektierer oder als Ungläubige bezeichnen. In Sachen Religion ist die Unterscheidung in Weltreligionen und Sekten lediglich eine Frage der Macht. Die katholische Kirche hat als Sekte angefangen, die sich im Lauf der Zeit zu einer Staatsreligion aufgeschwungen und sich die inquisitorischen Mittel zugelegt hat, abweichende Glaubensauffassungen als sektiererisch abzustrafen. Dabei waren die Sektierer in aller Regel einfach die besseren Christen – zum Beispiel die Katharer.

Das Interessante an Sekten ist ja, dass immer die anderen Mitglieder einer Sekte sind, nie man selbst. Für mich ergibt sich aus der geistigen Beschränktheit des Menschen, dass wir alle Sektierer sind. Weil wir alle noch weit von Wahrheit und Wirklichkeit entfernt sind, sollten wir uns gegenüber anderen Auffassungen davon, was wahr und wirklich ist, toleranter zeigen.

Das ist aus dem neuesten Buch der nobelpreisgekrönten polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk zu lernen. Sie erzählt die Geschichte des falschen Messias der Juden, Jakob Frank, und seiner Sekte. Darüber hinaus malt die Frau ein fantastisches Gemälde (1172 Seiten!) der polnischen-litauischen Adelsrepublik in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Weil sie das Abbild nicht mit dem Glanz ausgestattet hat, der dem zeitgeistigen an der Macht sich befindlichen Nationalismus entspricht, soll sie mit dem Tod bedroht worden sein.

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