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Max Frisch hatte da noch ein paar Fragen mehr

Dank einem Archivfund erscheinen die legendären Fragebögen des Schriftstellers und Architekts Max Frisch neu um drei weitere ergänzt. Die passen gut in den moralischen Zeitgeist.
Hansruedi Kugler
Max Frisch (1911-1991) (Foto: Keystone)

Max Frisch (1911-1991) (Foto: Keystone)

Es ist die Frage, die uns Greta Thunberg und mit ihr die Klimajugend derzeit stellen: Warum handeln wir nicht, obwohl wir doch genug wissen über die Bedrohung? Vorausgesetzt natürlich, die «Erhaltung des Menschengeschlechts» sei uns nicht egal. Max Frisch hat diese Frage bereits 1987 in einem Vortrag in Berlin seinem Publikum gestellt. Die Technische Universität Berlin hatte ihm den Ehrendoktor verliehen, Frisch redete den Wissenschaftern und Ingenieuren in seiner Dankesrede mit dieser Frage ins Gewissen.

Max Frischs Fragebögen sind Kult und hingen viele Jahre lang als Poster in unzähligen Wohnungen, und dies nicht nur in studentischen Wohngemeinschaften. Sie waren zuerst in Frischs «Tagebücher 1966-71» lose verteilt: Elf Fragebögen, in denen er unter anderem Heimat und Freundschaft, Eigentum und Humor, Geld, Ehe und Vatersein hinterfragte. Diese Themen werden nun ergänzt mit Moral, Alkohol und Technik. Die Fragebögen zum moralischen Handeln und zum Umgang mit Alkohol hatte Frisch für die «Tagebücher 1966-71» vorgesehen gehabt, schreibt Herausgeber Tobias Amslinger, der Leiter des Frisch-Archivs an der ETH. Nach Einwänden seines Verlegers Siegfried Unseld habe Frisch die beiden aber in der Schublade entsorgt. Sie blieben zeitlebens unpubliziert.

Ein nachdenklicher Macho mit lauter Männerfragen

Beim Wiederlesen der Fragebögen staunt man zunächst, dass hier einer zwar originelle und persönliche Fragen stellte, aber die Welt wie selbstverständlich nur aus Männeroptik befragte und sich eigentlich nur an Männer wendete. Man wundert sich deshalb nicht, dass Max Frisch bei Feministinnen lange als ausgemachter Macho galt. Beim Thema Geld fragt er etwa: «Möchten Sie eine reiche Frau?»; beim Thema Freundschaft: «Was würden Sie einem Freund nicht verzeihen? a) Doppelzüngigkeit, b) dass er Ihnen eine Frau ausspannt?».

Natürlich war dies immer auch subversiv, also gegen den Machismo gefragt. Das merkt man bei der pfiffigen Frage an die Männer: «Befremdet Sie eine kluge Lesbierin?» Zumindest in Zürich scheint die Frage, scheint die Urkränkung eines Machos, nun überholt. Dort regiert eine offen lesbische Stadtpräsidentin. Und die Frage an die Väter: «Sind Sie sicher, dass Sie von Ihren erwachsenen Kindern keine Dankbarkeit erwarten?» nimmt den Bestseller «Warum wir unseren Eltern nichts schulden» der Schweizer Philosophin Barbara Bleisch aus dem Jahr 2018 vorweg.

Die neuen Fragebögen treffen unseren Zeitgeist

Nun mag man sich fragen, ob es legitim ist, vom Autor aus seinen Büchern verbannte Teile nach dessen Tod als Buch zu veröffentlichen. Die Herausgeber fanden in den Fragebögen jedenfalls einen verblüffend aktuellen Gegenwartsbezug. Dem kann man zustimmen: Der Fragebogen zu Alkohol liest sich wie ein subtiler Beitrag zur #MeToo-Debatte: Neben der Frage, ob man sich unter Alkoholeinfluss mit politischen Gegnern versöhne, steht eine ganze Fragekaskade zu Grenzüberschreitungen: von Prahlerei bis zu Grabscherei, kombiniert mit männlicher Ignoranz und Selbstmitleid.

Wenn Max Frisch den Moralismus im Zusammenhang mit technischer Entwicklung und der Lage der Welt hinterfragt, fühlt man sich komplett im Heute: «Geniessen Sie moralische Entrüstung?», «Handeln Sie moralisch, a) weil Sie der Schwächere sind, b) um sich selbst sympathisch zu sein, c) weil Sie es sich leisten können?», oder «Können Sie sich eine menschliche Existenz überhaupt noch vorstellen ohne Computer?» sind allesamt herrliche Fragen.

Max Frisch: Fragebogen, Suhrkamp Verlag, 126 S.

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