Maulkorb für Konstanzer Theaterleiter

KONSTANZ. Ein frecher Leitartikel im Theaterheft «Trojaner» führt beim Theater Konstanz zum Eclat. Der Kultur-Bürgermeister verpasst dem Intendanten Christoph Nix einen Maulkorb: Alle seine öffentlichen Verlautbarungen müssen von nun an über seinen Schreibtisch.

Hansruedi Kugler
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Christoph Nix, seit 2006 Intendant am Theater Konstanz. (Bild: pd)

Christoph Nix, seit 2006 Intendant am Theater Konstanz. (Bild: pd)

Mitten in den Theaterferien platzt dem Konstanzer Kultur-Bürgermeister Andreas Osner der Kragen. Per Dienstanweisung ordnet er an, dass ab sofort öffentliche Verlautbarungen, Schreiben, Pressemeldungen etc. über seinen Schreibtisch gehen müssen und «mit uns abgestimmt werden». Was nichts anderes heisst als: Theaterintendant Christoph Nix darf keine Interviews mehr geben, ohne dass Bürgermeister Andreas Osner sie absegnet, die Theaterzeitung muss vor dem Druck zuerst seine Zustimmung einholen. Christoph Nix zeigt sich konsterniert: Einen Maulkorb für Intendanten habe es seines Wissens in Deutschland seit 1945 nicht mehr gegeben.

«Empört Euch»

Die Empörung des Bürgermeisters ist eine Reaktion auf den Aufruf «Empört Euch» in der aktuellen Ausgabe der Theaterzeitung «Trojaner». Der Leitartikel von Michael Menz (offenbar ein Pseudonym) beklagt den «Verlust demokratischer Selbstverständlichkeiten» und fällt ein vernichtendes Urteil über die Konstanzer Bürgermeister: Hiesige Politik werde ohne Auseinandersetzung über Grundfragen nur noch inszeniert und Kritik werde als Majestätsbeleidigung betrachtet. Schlimmer noch: Die Konstanzer Regierung tue so, als ob sie die Machenschaften der Waffenindustrie am Bodensee und der Pharmabranche in der Region ebenso wie die Flüchtlingsfrage und die Ausbeutung in der Dritten Welt nichts angehe, «als stünden wir nicht gerade mit kriegerischen Konflikten an einem aussenpolitischen Abgrund». Das sind alles Dinge, die Christoph Nix empören. Er ist einer der seltenen radikalen, aber auch erfolgreichen Theaterleiter, die ihre künstlerische Arbeit auch als direkte politische Einmischung verstehen. Und er spricht gerne über die Urdemokratie der Schweiz: «Würde der St. Galler Stadtpräsident dem Theaterdirektor einen Maulkorb verpassen? Niemals.»

Erfolgreich und spektakulär

Seit seinem Amtsantritt 2006 habe er die Zuschauerzahlen von 70 000 auf über 100 000 erhöht, erklärt Nix stolz. Und listet spektakuläre Projekte auf, die «Brücken geschlagen und Menschen zusammengeführt haben»: So hat er eine Oper auf dem Säntis inszeniert und das Überlinger Flugzeugunglück dramatisiert, er arbeite in Theaterclubs derzeit mit 160 Laien zusammen und habe Theatergruppen aus Togo und Malawi eingeladen und afrikanische Darsteller engagiert.

Der Kulturaustausch scheint ihn besonders zu motivieren. Am ältesten Theater Deutschlands (das Theater Konstanz existiert seit 1606) gibt es zweimal im Monat das «Café Mondial», als «Ort für die Flüchtlinge, an dem gespielt und gesungen wird, in den Sprachen dieser Welt». Auch sammelte Christoph Nix Geld, damit in Burundi ein eigenes Theater entstehen konnte. Der Bürgerkrieg verhinderte dann allerdings dieses Vorhaben.

Politik: «Ordinär und schamlos»

Bürgermeister Andreas Osner schreibt in seinem Brief an Nix, er habe alle diese Aktivitäten immer vollumfänglich unterstützt. Aber der Beitrag im «Trojaner» sei weder im Ton noch inhaltlich akzeptabel. Hier würden «unwahre Behauptungen verbreitet» und alle drei Bürgermeister auf eine Art und Weise beschädigt, «die nicht mit einem konstruktiven, respektvollen Miteinander vereinbar ist».

Voll ins Lokalpolitische greift der «Trojaner»-Artikel mit seiner Kritik am neuen Kongresshaus: «Konstanz wollte ein Konzerthaus, weil es eine Stadt der Kultur ist, und hat ein Kongresshaus bekommen, für das man jetzt nach Kundschaft sucht.» Das Urteil im «Trojaner» fällt dann unzimperlich aus: «Ein ordinäres Beispiel für eine schamlose Umdeutung des Bürgerwillens.» Wundert man sich, dass der Bürgermeister dies als persönliche Beleidigung auffasste? Christoph Nix hingegen meint, diese Kritik sei vielleicht rhetorisch diskutabel, aber völlig im Rahmen der Verfassung «und eigentlich harmlos».

Vertrag läuft bis 2020

Wer sich hinter dem Autornamen Michael Menz verbirgt, will Christoph Nix nicht sagen. Ob er selbst der Verfasser des Leitartikels ist, lässt er offen. Wer den Artikel geschrieben habe, sei ohnehin Nebensache. Die Verantwortung für den Inhalt der Theaterzeitung trage er vollumfänglich. Über Sanktionen im Falle eines Nichtbefolgens der Anweisung des Bürgermeisters war gestern nichts zu erfahren. Klar ist: Christoph Nix hat einen Vertrag bis 2020. Er denkt nicht daran, ihn vorzeitig aufzulösen.