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Literarisches Jahresheft Mauerläufer:
Man sieht nur, was man sehen will

Die Texte in der sechsten Ausgabe leuchten die Wahrnehmung aus. Gut vertreten sind die Thurgauer Autoren mit Jochen Kelter, Beat Brechbühl, Zsuzsanna Gahse und Gianni Kuhn.
Dieter Langhart
Christiane Lehmann: «Leben 4.0», Kornhausgalerie Ulm, 2018; Filz, Blätter, Torfspuren, Kunststoffröhren. (Bild: «Mauerläufer» Nr. 6, 2019/20)

Christiane Lehmann: «Leben 4.0», Kornhausgalerie Ulm, 2018; Filz, Blätter, Torfspuren, Kunststoffröhren. (Bild: «Mauerläufer» Nr. 6, 2019/20)

Weilte der Ludwigsburger Dichter Eduard Mörike je auf Schloss Meersburg? Das ist anzunehmen. Hier, im Alten Schloss, ist dieser Tage der neue «Mauerläufer» vorgestellt worden, das sechste Literarische Jahresheft im weiten Bodenseeraum. Und da war Mörike ja daheim. Das erste Kapitel verdankt ihm die Überschrift: «Mörike stellte die Kamera auf». So beginnt auch der erste Text, «Alles wissen» von Beate Rothmaier. Für den «Mauerläufer» erfindet sie eine Geschichte: Wie Mörike erst das Stativ aufstellte, dann durch den Sucher blickte und sich selbst verdutzt im Fadenkreuz sah, wie er «darauf wartete, fotografiert zu werden». Der totale Blick-ohne-Winkel, denn es wird noch skurriler.

Der Text gibt den Ton des neuen «Mauerläufers» an, der in vier Kapiteln das Motto Wahrnehmung umkreist wie der Vogel, bei dem das Heft sich den Namen geliehen hat. Der lebt in Felswänden und hüpft da beidbeinig von Sims zu Sims. Ein schräger Vogel.

Ein Tisch voller Spuren und die ergatterte Täuschung

Mitherausgeber Jochen Kelter sagt: «Politische und gesellschaftliche Ereignisse, aber auch alltägliche Dinge und Begebenheiten werden von Menschen verschieden wahrgenommen.» Christa Ludwig gibt in ihrem Vorwort Beispiele für selektive Wahrnehmung, die höchst einseitig machen könne.

Naturgemäss umkreisen die Beiträge im Heft das Motto nicht gleich eng; wir beschränken uns auf die Thurgauer. So bekennt Beat Brechbühl: «Ich will keine/ Altersgedichte schreiben; ich denke sie nur.» Stefan Keller besitzt die Milchzähne seiner verstorbenen Mutter und die Goldzähne eines unbekannten Arbeiters oder einer unbekannten Arbeiterin und sinniert darüber: «Es sind Relikte, die nach Armut und Unglück riechen.»

Stefan Keller: Mutters Zähne (Bild: «Mauerläufer» Nr. 6, 2019/20)

Stefan Keller: Mutters Zähne (Bild: «Mauerläufer» Nr. 6, 2019/20)

Zsuzsanna Gahse aber weitet die Welt vor ihrer Tür in der Prosaskizze «Manövrierfähig» über das Postauto, einen Bus, «der für eine anständige Verbindung zu den regionalen und internationalen Zügen zuständig ist, was eine Weltverbundenheit bedeutet, Weltläufigkeit, meine Verbundenheit mit Kansas City, Wladiwostok , Ufa, Massachussetts». (Das Motiv des Busses taucht auch in ihrem neuen Buch «Schon bald» auf.)

Gianni Kuhn ist mit Texten aus «Der Büroangestellte, die Prostituierte, der Klempner, die Lehrerin» vertreten. Und in Hans Gysis Gedicht «sauberen tisch» stehen diese Verse: «immerhin/ ein sauberer tisch/ voller spuren/ das gekritzel unle­serlich». Und in einem von Jochen Kelters Gedichten steht: «Das Leben wird vorgespielt/ hier wird die Täuschung ergattert/ hierher dringt nichts von draussen.» Mauerläufer Nr. 6, 2019/20, Bezug: mauerlaeufer.org

Mauerläufer Nr. 6, 2019/20, Bezug: www.mauerlaeufer.org

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