«MARITIM»: Am Meer gelegen ist der See

Im seeseitig gelegenen Projektraum im Kornhaus Rorschach zeigen Elisabeth und Thomas Krucker die Positionen von zwei Künstlerinnen und einem Künstlerpaar. Malereien, Ton und Video rund ums Wasser.

Brigitte Schmid-Gugler
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Ein singender «Trallalero» in der Videoarbeit von Christina Hemauer und Roman Keller. (Bild: Michel Canonica)

Ein singender «Trallalero» in der Videoarbeit von Christina Hemauer und Roman Keller. (Bild: Michel Canonica)

Brigitte Schmid-Gugler

Und es plätschert die Sehnsucht. Nach Weite. Wasser. Weggleiten. Übers Meer und in die Ferne. Immer wieder kommt sie über einen. Im Binnenland Schweiz stachelt sie in schöner Regelmässigkeit den Erfindergeist von Visionären an. Da war der umstrittene Hafenkran in Zürich. Etwas länger zurück, nämlich 100 Jahre, liegt die Idee eines Wasserweges über den Splügenpass. Der Ingenieur Pietro Caminada wollte den Schifffahrtsweg von Genua bis an den Bodensee und in die Nordsee führen. In Genua, der «Superba», wie man die vertikale Hafenstadt früher nannte, beginnt auch die Kamerarundfahrt des Künstlerpaares Christina Hemauer (1973) und Roman Keller (1969).

Trallala zwischen Kränen und Containern

Während draussen vor den Fenstern des Projektraumes der See sich wild und bewegt gebärdet, als wollte er der Ausstellung die passende Kulisse bieten, hört man im Innenraum das dunkle Brummen eines Schiffsmotors. Die Kamera gleitet über die Wasseroberfläche, wird hinaufgezogen an der schier nicht enden wollenden Aussenwand eines Containerschiffs, zoomt aus dem Weitwinkel zu Schiffskränen und Hafendocks, kreist um sich selber wie ein träge gewordenes Auge eines gestrandeten Wales. Genua ist nun in sein Sichtfeld gerutscht, die Stadt mit ihrer langen bewegten Geschichte, den Schlachten und Eroberungen. Christoph Kolumbus stammte aus Genua, ebenso der Musiker und Komponist Niccolò Paganini. Friedrich Schiller hatte gleich im Anschluss an «Die Räuber» unter dem Eindruck der Verschwörung des Giovanni Luigi de Fieschi sein «Republikanisches Trauerspiel» verfasst.

Traurig und doch mit dem Beiklang einer optimistischen Lebensenergie klingen die Männerstimmen der Canterini di Sant’ Olcese. Jüngere und ältere Hafenarbeiter stehen als A-cappella-Sänger im Kreis eng beieinander und stimmen ihre traditionellen Genueser Gesänge, die «Trallaleri» an. Mit vielen Tonhöhensprüngen untermalen sie Welt- und Liebesschmerz, Fernweh und soziale Missstände in früheren Zeiten – und heute: Im Video «La Partenza» will das Künstlerpaar, dessen Schaffen stark um die Themen Energie und Ressourcen kreist, auf die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen der Hafenarbeiter aufmerksam machen.

Strandszenen mit viel Deutungsfreiheit

Die Künstlerin Harlis Schweizer Hadjidj (1973) hat eigens für die thematische Ausstellung eine Serie von kleinformatigen Bildern geschaffen. Die Blautöne dominieren, oft streift einen das Licht eines sehr hellen Tages, der Schatten ritzt sich holzschnittartig in die Szenen. Die Künstlerin fotografierte in Finnland, Algerien, Frankreich und übertrug ihre «Schnappschüsse» mittels Ölkreide und Gouache auf Papier. Ihre Bilder sind aber viel mehr als blosse Weiterverwertungen. In Harlis Schweizers narrativem Malstil eröffnen sich der Vorstellungskraft Minidramen – mit offenem, nicht selten beunruhigendem Ausgang.

Sonja Hugentobler ((1961) ist mit einem Triptychon vertreten. Bei der grossformatigen Arbeit – Graphit/Öl auf Leinwand – mit dem Titel «Gestrandet II» handelt es sich ebenfalls um eine Hafenansicht. Doch bei ihr legt sich ein überzeitlicher, pfirsichfarbener Tagtraum auf die Abhandlung. Nichts ist, wie es scheint, und alles im Dunst des sich Verflüchtigens begriffen.

Die Künstlerin interessiert sich ausdrücklich für die Beschaffenheit des Arbeitsmaterials und dessen Reaktion auf ihren Bewusstseinsprozess; die Vorlage tritt mehr und mehr in den Hintergrund, wird zur figürlich- transparenten Knetmasse, zum atmosphärischen Dialog mit der Intuition der Sehenden.

«Maritim», Projektraum am See, Kornhaus Rorschach; heute 11 Uhr: «Schweiz am Meer», Referat von Andreas Teuscher; Öffnungszeiten: Sa/So, 11–18 Uhr; Finissage: So, 18. 6. 11 Uhr