Marie-Claude Chappuis: «Bevor ich auf die Bühne gehe, bete ich»

Auf einen Kaffee mit ... der in Gallen auftretenden Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis

Bettina Kugler
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Marie-Claude Chappuis

Marie-Claude Chappuis

Michel Canonica

Die Weihnachtspause war kurz für Marie-Claude Chappuis: viel Zeit, um zu Hause in Fribourg zu entspannen und Weihnachtslieder zu singen, hatte sie nicht. Vor ihr auf dem Tisch liegt die Agenda fürs neue Jahr, dicht gefüllt mit Terminen – und die reichen bis 2023. Doch sie ist gern schon am Stephanstag nach St.Gallen gefahren, wo sie derzeit in Jacques Offenbachs Operette «La Belle Hélène» die Titelrolle verkörpert: ein lebenslustiges, stimmlich ungemein bewegliches Weib. Die Schönste von allen – auch wenn es ihr depperter Gatte nicht merkt.

Zwei Vorstellungen liegen hinter ihr; die Premiere lief erfreulich gut, nun geht es weiter. An Silvester wird es eine Gala-Vorstellung geben; im Publikum wird auch Edith Mathis sitzen, die legendäre Schweizer Mozartinterpretin, mit der Marie-Claude Chappuis die Liebe zur Musik Bachs teilt. Offenbachs Operette ist davon denkbar weit weg, dennoch fühlt sich die Mezzosopranistin mit der Partie äusserst wohl. «Ich liebe das Theater und die Rollenwechsel», sagt sie. Ob komische Oper oder Drama, das Schicksal Carmens, die Trauer der Dido: Auch im wirklichen Leben lägen die Emotionen oft sehr nah beisammen, findet sie.

«Die Angst hat vor dem Auftritt damit
zu tun, dass man einen so hohen Anspruch an sich hat»

Die Emotion ist für Marie-Claude Chappuis stets der Ausgangspunkt, die Quelle, aus der sie schöpft: ob sie Volkslieder singt, geistliche Musik oder Operette. «Offenbachs Partitur ist vielschichtig und sehr gut für die Stimme geschrieben. Ich geniesse das. Nicht zuletzt, dass ich in meiner Muttersprache singen kann.» Ihr Repertoire ist gross – und St.Gallen ein kleines Haus, verglichen mit ihren sonstigen Bühnen. An der Scala ist sie ebenso gern gesehen wie an der Berliner Staatsoper, in Leipzig, Paris oder bei den Salzburger Festspielen. Einen Unterschied macht das nicht für sie. Das Lampenfieber ist überall gleich gross. Sie erinnert sich an Gespräche mit dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt über diese Angst – die auch er kannte; so gut er jeweils vorbereitet war, so viel er wusste über Musik. «Die Angst hat vor dem Auftritt damit zu tun, dass man einen so hohen Anspruch an sich hat», sagt sie, «dass man auf Vollkommenheit zielt und weiss, dass sie im seltensten Fall oder niemals ganz erreichbar ist. Es spielen jeden Abend live so viele Parameter zusammen; das eigene Können und die eigene Tagesform sind nur ein Teil davon.»

Doch je näher sie dahin kommt, desto glücklicher ist die Mezzosopranistin mit ihrem Beruf, ihrer «Berufung», wie sie sagt. Es schwingt Demut mit, wenn sie davon spricht, der Musik zu dienen, ihre Freude daran dem Publikum weiterzugeben: eine grosse Aufgabe, die Kraft brauche. «Man hat es nicht in der Hand; hin und wieder muss der Himmel helfen.» Deshalb betet Marie-Claude Chappuis, bevor sie ins Rampenlicht tritt, und es ist mehr als ein Stossgebet. Sie weiss sich damit am Theater nicht allein. «Mit Kolleginnen, die mir lieb und vertraut sind, habe ich auch schon vor gemeinsamen Auftritten gebetet.»

Dass sie Bach mit besonderer Innigkeit singt, versteht sich fast von allein. «Bach ist aber auch Oper», sagt sie, «etwas Dramatischeres als eine Matthäuspassion gibt es kaum. Was da alles passiert!» Die Tiefen des Textes will sie ausloten und hörbar machen. Im Frühjahr wird sie unter der Leitung von René Jacobs in Paris Bachs h-Moll-Messe singen und damit auch beim Bachfest in Schaffhausen gastieren. Ebenso freut sie sich über den grossen Erfolg ihrer CD-Aufnahme mit Schweizer Volksliedern. «Am schönsten ist, wenn mir Leute erzählen, dass sie beim Hören mitsingen, zum Beispiel auf Autofahrten. Singen macht einfach glücklich.»