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«Men are just walking dildos»: Eine Opernproduktion ohne Regisseur

Noch keine Produktion des Zürcher Opernhauses hatte so viel Medienpräsenz wie
«Così fan tutte» des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow: Er wird in Hausarrest gehalten. Seine Inszenierung wirkt trotzdem beflügelt.
Tobias Gerosa
Anna Goryachova als fulminante Dorabella. (Bild: Monika Rittershaus)

Anna Goryachova als fulminante Dorabella. (Bild: Monika Rittershaus)

Kann man eine Opernneuproduktion ohne Regisseur stemmen? Opernhäuser planen drei, vier, fünf Jahre im Voraus und die Proben beginnen etwa sechs bis acht Wochen vor der Premiere. Kirill Serebrennikow wurde spätestens Ende September in Zürich zu den Proben für Mozarts «Così fan tutte» erwartet. Doch sein Hausarrest, indem er seit über einem Jahr in Moskau gehalten wird, wurde nochmals verlängert. Der Prozess hat begonnen, mit fadenscheinigen Argumenten: Gelder seien veruntreut worden, weil eine Theaterproduktion nicht stattgefunden habe. Hunderte Besucher bezeugen das Gegenteil. Das Zürcher Opernhaus beschloss, Serebrennikows Inszenierung umzusetzen, mit seinen Vertrauten für die Umsetzung und seinem Anwalt als Postboten (Hausarrest heisst auch kein Internet).

Mozart von heute – aber grundsätzlich

Ausnahmesituationen können beflügeln: Diese «Così fan tutte» packt konzeptionell wie handwerklich, macht Spass und regt an zum Weiterdenken. Bei Serebrennikow geht die Wette zwischen den Männern, dass sie sich gegenseitig die Frauen verführen könnten, viel weiter denn in eine einfache Komödie. Dass Don Alfonsos Beziehung eben per SMS beendet wird, bringt ihn auf die fatale Idee, mit Ferrando und Guglielmo zu wetten, dass auch ihre Freundinnen nicht treu sein würden. Die beiden schlagen ein und werden nach herzerschütterndem Abschied auch gleich kremiert. Harmloses Verkleidungsspiel? Nicht hier. Die beiden werden tatsächlich ersetzt, die Sänger Frédédic Antoun (hervorragend volltönend) und Andrej Bondarenko (etwas verwaschen singend) bekommen stumme Schauspieler zur Seite.

Ab dem zweiten Akt wird die Doppelung immer mehr zur Spaltung, die Sänger zu Kommentatoren des Verführungsspiels. Sie müssen von aussen zuschauen, wie ihre Frauen, kontrolliert vom zynischen Don Alfonso, von Michael Nagy und der Gouvernanten-Therapeutin Despina mit ihren seltsamen Frauenrecht-Vorträgen, sich verführen lassen. «Men are just walking dildos» leuchtet da auf, «my pussy, my right», Bilder von Frauenrechtsdemos und Femen – aber Dorabella und Fiordiligi lenken sich lieber beim Shoppen ab. Anna Goryachova wirft sich fulminant in die Rolle der Dorabella, Ruzan Mantashayan als Fiordiligi bleibt in Spiel und Gesang reservierter.

Am Ende verschwinden die «Free Kirill»-T-Shirts

Serebrennikow und Evgeny Kulagin, der seine Ideen in den Proben praktisch umsetzte, inszenieren dies mit einer Genauigkeit, die im Musiktheater selten zu erleben ist. Nur wie kommt Serebrennikow aus der Geschichte heraus, dass er die Männer am Anfang hat sterben lassen? Mit einem Kunstgriff. Zum Finale, wo die neuen Beziehungen mit Heiratsverträgen besiegelt werden, bevölkern Geister und Dämonen die verwandelte Bühne. Die Wette hat die Büchse der Pandora geöffnet, was herauskommt, verstört. Serebrennikow und Dirigent Cornelius Meister fügen hier die Musik auf «Don Giovanni» ein, mit der dort der Geist des toten Komturs auftritt: Die Toten kommen zurück – die Welt ist aus den Fugen.

Hinter dieser starken und stark ausgeführten Idee tritt die Musik etwas zurück. Dirigent Meister lässt den Orchestergraben weit hochfahren und die Philharmonia Zürich mit alten Hörnern und Trompeten spielen, wählt sehr rasche Tempi. Vielleicht auch weil die Bühne mehrere Meter hinter der Rampe erst beginnt und die zweistöckige Konstruktion akustisch schwierig sein könnte, wird oft lauter gesungen als nötig.

Was überzeugt, bleibt mehr das Spiel denn die vokalen Feinheiten oder besondere Mozart-Stilsicherheit.

Dem Opernhaus brachte diese Premiere sehr viel Publicity. Hoffentlich nützt sie, dass die Produktion gesehen wird, dass ihre aktuellen Fragen zum Verhältnis von Frauen und Männer weiterdiskutiert werden. Und dass die Aufmerksamkeit auf ­Serebrennikows Prozess bleibt, auch wenn die «Free Kirill»-T-Shirts des Schlussapplauses von der Bühne verschwunden sind.

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