Psychiater beeindruckt vom St.Galler Theaterstück «Versetzung»

Mit «Versetzung» verbindet das Theater St. Gallen Schauspiel mit Aufklärung über psychische Krankheit. Das funktioniert und füllt den Theatersaal. Und Gesprächsrunden im Theater mit Psychiatern sind gut besucht.

Hansruedi Kugler
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Gegen Ende des Stücks liegt Lehrer Rupp (Fabian Müller) erschöpft und verwirrt auf den Knien seiner Ehefrau (Pascale Pfeuti). (Bild: Tanja Dorendorf)

Gegen Ende des Stücks liegt Lehrer Rupp (Fabian Müller) erschöpft und verwirrt auf den Knien seiner Ehefrau (Pascale Pfeuti). (Bild: Tanja Dorendorf)

Ausverkaufte Vorstellungen, ein fabelhafter Hauptdarsteller Fabian Müller, begeisterte Kritiken und Lob von Fachleuten: Thomas Melles Stück «Versetzung» über einen Lehrer mit bipolarer Störung in der Regie von Jonas Knecht in der Lokremise wird rege diskutiert. Nach der Mittwochs-Vorstellung fand bereits das dritte Nachgespräch statt. Der Faktencheck zeigt: «Ich erkenne sehr vieles in diesem Stück», sagt Psychiatrie-Chefarzt Thomas Maier. Als Fachmann sei er beeindruckt von der Genauigkeit und auch Gnadenlosigkeit, mit der der Autor die manisch-depressive Störung beschreibe.

In «Versetzung» wird ein erfolgreicher Lehrer auf dem Karrieresprung mit seiner manisch-depressiven Vergangenheit konfrontiert und bricht allmählich zusammen. Das sei eine typische Situation, Stress löse oft Krankheitsschübe aus, sagt Thomas Maier. «Mir kamen beim Zuschauen viele meiner Patienten in den Sinn.» Das Stück zeige die Symptome der Krankheit, die Zerreissprobe im sozialen Umfeld und die Existenzkrisen des Kranken sehr realistisch.

Das Stück beschreibt die bipolare Störung beeindruckend minutiös und realistisch
Chefarzt Thomas Maier Psychiatrie Nord(Foto: Michel Canonica)

Chefarzt Thomas Maier Psychiatrie Nord
(Foto: Michel Canonica)

Dass so viele Leute das Stück ansehen, freut Thomas Meier. Das trage zum Verständnis dieser Krankheit bei, was wichtig sei, denn: «Trotz vieler Bemühungen sind psychische Krankheiten immer noch ein Tabu.» Er selbst nutzt die Gelegenheit nicht zum ersten Mal. Im Frühling nahm er an einer Veranstaltungsreihe teil zu «Psychische Gesundheit und Volksmusik», zusammen mit dem Hackbrettspieler Nicolas Senn. Und vor drei Jahren hat er das Theater St. Gallen für die Inszenierung von «The Effect» beraten, einem Stück über Medikamentenversuche mit Depressiven – die dadurch ihre Persönlichkeit ver­lieren.

«Wie überlebe ich den nächsten Schub?»

Die existenzielle Verunsicherung sei auch in der bipolaren Störung beängstigend und im Stück «Versetzung» realistisch umgesetzt, sagt Thomas Maier. Als Therapeut sei er mit noch dramatischeren Situationen konfrontiert. «Wie überlebe ich den nächsten Schub?» – mit dieser Frage kämen viele Patienten zu ihm. Denn der Mythos der Höchstleistungen und der Genialität, der dem Manischen anhaftet, sei für die Patienten verführerisch, aber gefährlich: Sexuelle Enthemmung und Aggressivität in den manischen Phasen seien für die Umgebung extrem belastend, zerstörten Beziehungen und würden nachher zu extremer Scham führen. Die Suizidgefahr sei deshalb sehr gross. Realistisch geschildert sei im Stück auch die stabilisierende Wirkung der Medikamente, auch wenn Maier einräumt: «Diese Medikamente haben teils massive Nebenwirkungen.» Wie die Inszenierung die Reaktion der Lehrerumgebung zeigt, sei präzis: Auch in der Realität seien seine Patienten mit dem Bemühen um Verständnis, mit Überforderung, Ablehnung und Ausgrenzung konfrontiert. Fazit: Hier kommt Theater der Realität extrem nah – kunstvoll, berührend und gleichzeitig informativ und aufschlussreich. Das erklärt wohl auch, warum die Vorstellungen ausverkauft sind.

Versetzung, heute Freitag, 20 Uhr, zum vorläufig letzten Mal, Lokremise St. Gallen