Manchmal geradezu mystisch

Mit Bach und Mozart gewinnt die Pianistin Hélène Grimaud die Herzen des St. Galler Publikums. Begleitet wird sie von Musikern der Spitzenklasse.

Rolf App
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Hélène Grimaud (Bild: pd)

Hélène Grimaud (Bild: pd)

ST. GALLEN. Haydn wird unterschätzt. Nicht von den Musikern, die lieben ihn heiss. Aber von Teilen des Publikums, die ihn für eher leichtgewichtig halten. Nun: Das Leichte, Beschwingte liegt Joseph Haydn zwar sehr. Aber wie raffiniert, mitreissend zugleich seelenvoll er ist, erlebt man am Mittwochabend im letzten Teil des Konzerts, welches das Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks in der Reihe Migros Kulturprozent Classics in der St. Galler Tonhalle gibt.

Ein zerstreuter Konzertmeister

Haydns «Il Distratto» handle von den Fehltritten eines Zerstreuten, erklärt Radoslaw Szulc, der das Orchester vom Geigenpult aus leitet. Das werde man vor allem im fünften Satz erleben. Da geht Szulc abrupt von der Bühne ab, während die andern weiterspielen. Kehrt zur Besinnung gekommen zurück, spielt wieder mit, aber falsch. Mit andern Worten: Das sechssätzige Werk, zur Untermalung eines Theaterstücks komponiert, ist ein Riesenspass und das Orchester in seinem Element mit seinem schönen, runden, dabei lebendigen Klang.

Man hat das schon vorher erleben können. Zum Einstieg im kurzen, überraschenden und sehr melodischen Adagietto für Streichorchester von David Philipp Hefti – der gerade für das Theater seiner Heimatstadt St. Gallen eine Oper komponiert. Dann aber vor allem im Zusammenspiel mit der Pianistin Hélène Grimaud. Die Musiker spielen grossenteils stehend, im Halbkreis um das Klavier; es kommt einem vor wie damals, als Johann Sebastian Bach für die Aufführung im Saal des Leipziger Cafés Zimmermann sein Cembalokonzert in d-Moll geschaffen hat. Zart und beschwingt erklingt der erste Satz, mit geradezu mystisch entrückten Solopassagen des Klaviers, warm und verhalten das Adagio, heiter und filigran das Finale.

Feinste Strukturen

Noch gesteigert findet sich der Eindruck einer grossen Stimmigkeit bei Wolfgang Amadeus Mozarts eindrucksvollem Klavierkonzert d-Moll KV 466, dessen unterschiedliche Stimmungen bravourös zur Geltung kommen. Hélène Grimaud aber erweist sich als Meisterin im Herausarbeiten feinster Strukturen. Wer die Kadenz des abschliessenden Rondos gehört hat, wird sie nicht so rasch vergessen.