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«Manche Zuschauer fangen an zu weinen»: Ausserrhoder Schauspielerin Jeanne Devos ist momentan in Bregenz zu sehen

In Bregenz spielen Schauspielerinnen und Schauspieler des Landestheaters ein Stück jeweils immer nur für einen Zuschauer. Die Ostschweizer Schauspielerin Jeanne Devos erzählt, wie es ihr bei diesem speziellen Theaterprojekt geht.
Julia Nehmiz
Die Ausserrhoder Schauspielerin Jeanne Devos ist momentan in Bregenz zu sehen. (Bild: PD)

Die Ausserrhoder Schauspielerin Jeanne Devos ist momentan in Bregenz zu sehen. (Bild: PD)

Näher, unmittelbarer hat man Theater nicht erlebt. Was die Ausserrhoder Schauspielerin Jeanne Devos und ihre Kolleginnen und Kollegen am Landestheater Bregenz leisten, beeindruckt, bewegt, berührt. Einzeln werden die Zuschauenden durch den Theaterparcours «Diorama Bregenz: Der letzte Mensch» geführt. Sie stehen den Schauspielern alleine gegenüber. Das ist nicht nur für sie aussergewöhnlich, auch die Ausführenden geraten an ihre Grenzen.

Ist es nicht anstrengend, an einem Abend 16 Mal dieselbe Szene zu spielen, jeweils für nur einen Zuschauer?

Jeanne Devos: Das ist es. Aber nicht weil man so oft spielt, sondern weil man wahnsinnig viel erlebt. Ich hätte mir nie träumen lassen, wie unterschiedlich die Leute reagieren.

Sie schauen nicht nur zu?

Nur zuschauen geht nicht, der Zuschauer wird Teil des Geschehens. Ich hatte davor schon vier Arbeiten des Regisseurs Bernhard Mikeska gesehen, ich weiss, wie ich mich als Zuschauerin verhalte. Ich dachte, alle anderen machen das auch so. Das stimmt aber gar nicht.

Wie erleben Sie das Publikum?

Manche sind ängstlich, erschrecken, oder werden aggressiv, weil sie es fast nicht aushalten. Andere fangen an zu weinen, wenn ich ihre Hand nehme oder frage: «Was bleibt? Wer kann sich noch an dich erinnern, wenn du nicht mehr da bist?»

Wieso reagieren die Leute so verschieden?

Das frage ich mich auch. Klar verändert sich die Stimmung, der Zuschauer ist Bühnenpartner, ich reagiere auf ihn. Aber mein Text, meine Grundhaltung ist immer dieselbe.

Wenn Sie das so oft hintereinander spielen, verwechselt man dann nicht die Textstellen, weil man denkt, man habe das doch bereits gesagt?

Nein, man kommt nie ins Abspulen. Mein Bühnenpartner, also der Zuschauer, kennt die Bühnenverabredung nicht. Das hilft total, dass das Spiel immer frisch ist. Ich finde eher anstrengend, dass ich den Menschen, dem ich so nahe kam, so schnell wieder loslassen muss.

Gibt es auch Zuschauer, die mit dieser Form von Theater nicht umgehen können?

Bei Rolf Mautz, der Paul Grüninger spielt, sind auch schon Leute raus, weil sie es nicht aushielten. Ein Zuschauer hat ihn sogar angeschrien. Bei mir passiert es oft, dass sie, wenn ich die Fragen stelle, antworten. Andere wollen nicht, dass ich ihnen so nahe komme. Das muss ich akzeptieren. Ich versuche, Grenzen auszuloten. Ich will sie nicht schockieren, aber auch nicht in der Komfortzone lassen. Manche quatschen total viel, oft ihre halbe Lebensgeschichte.

Wie verarbeiten Sie das?

Wir Schauspieler tauschen uns nach jeder Vorstellung aus. Gerade wenn ein Zuschauer schwierig war, etwa wenn er keine Distanz wahrten konnte, ist der Austausch total wichtig. Einer hat immer gelacht. Ich dachte, lacht er mich aus? Nimmt er mich nicht ernst? Oder eine Frau, die genervt immer nur sagte «ich halt’s nicht aus, es ist so heiss». Zu erfahren, den anderen ging es auch so, ich habe nichts falsch gemacht, tut gut.

Das Stück berührt die Zuschauer tief. Geht Ihnen das auch so?

Ich merke, die Gesichter sind extrem präsent. Ich träume viel davon in der Nacht. Doch dann ist es auch wieder vorbei. Was aber bleibt: Ich glaube, dass man durch diese Art von Theater die Menschen bewegen kann. Vielleicht ist das die Aufgabe des Theaters: Nähe herstellen zwischen den Menschen.

Wieso Nähe?

In unserer Gesellschaft ist Vereinsamung ein grosses Thema. Im Stück gibt es in fast jeder Szene einen Hand-Moment, dass wir die Hand des Zuschauers nehmen. Ein Dramaturg sagte mir, dass er sich in diesen Momenten fragte, wann er das letzte Mal so berührt worden sei.

Haben Sie Lampenfieber, wenn Sie nur für einen Zuschauer spielen?

Ich bin grundsätzlich vor jeder Vorstellung aufgeregt. Hier nie! Ich kann nichts falsch machen, ich kann nur Zeit verbringen mit diesen Menschen.

Hinweis: Bis 31.7.; Landestheater 
Bregenz; www.landestheater.org

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