«Man wird noch viele Fragen klären müssen»

Freude herrscht allerorts in der Schweiz über die Entscheidung des Kunstmuseums Bern, das «schwierige» Erbe Cornelius Gurlitts anzutreten. Vom Bundesrat bis zum Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund begrüsst man grundsätzlich das mit Deutschland getroffene Abkommen.

Christina Genova
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Freude herrscht allerorts in der Schweiz über die Entscheidung des Kunstmuseums Bern, das «schwierige» Erbe Cornelius Gurlitts anzutreten. Vom Bundesrat bis zum Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund begrüsst man grundsätzlich das mit Deutschland getroffene Abkommen. Roger Fayet, Präsident des Schweizer Ablegers des Internationalen Museumsrats Icom und gleichzeitig Direktor des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft, würdigt den Entscheid umso mehr, als dass es seiner Ansicht nach einfacher gewesen wäre, das Erbe abzulehnen: «So wie es aussieht, ist es nicht so, dass man in den Besitz einer unglaublich bedeutenden Sammlung kommt, welche das Kunstmuseum Bern auf ein anderes Level heben würde.» Als sehr positiv bewertet er die Absicht des Kunstmuseums, auf eigene Kosten eine Forschungsstelle einzurichten, welche sich mit den historischen Hintergründen der Gurlitt-Sammlung befasst: «Es gibt erst wenige Museen in der Schweiz, die etwas Vergleichbares installiert haben.»

Spannende Provenienzforschung

Das Museum Rietberg in Zürich gehört zu diesen Ausnahmen. Mit Esther Tisa Francini verfügt es über eine festangestellte Provenienzforscherin. Die Historikerin war vor dreizehn Jahren Mitautorin des Berichts der Bergier-Kommission über den Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Esther Tisa Francini ist der Ansicht, dass man die Provenienzforschung in der Schweiz noch intensivieren könnte: «Zur Rolle der Schweiz als Kunsthandelsplatz im Zweiten Weltkrieg ist längst noch nicht alles erforscht. Es gibt noch viele blinde Flecken.» Sie würde es deshalb begrüssen, wenn die Annahme des Gurlitt-Erbes zu mehr Forschung im Bereich des Schweizer Kunsthandels und Kunstmarkts führen würde. Esther Tisa Francini erachtet es darüber hinaus ganz grundsätzlich als spannend für jede Institution, mehr über die eigene Sammlung zu erfahren.

Obwohl Esther Tisa Francini es begrüsst, dass für das Gurlitt-Erbe eine Lösung gefunden wurde, weiss sie als erfahrene Provenienzforscherin, wie viel Arbeit auf das Kunstmuseum Bern zukommen wird. Deshalb ist ihre Freude über die getroffene Entscheidung eher verhalten: «Es ist erst der Anfang. Man wird noch viele Detailfragen klären müssen.»

Sehr differenziert sieht auch der Zürcher Kunstrechtsexperte Andrea F. G. Raschèr die zwischen dem Kunstmuseum Bern und den deutschen Behörden getroffene Vereinbarung. Der Jurist, der die Anlaufstelle Raubkunst des Bundes aufgebaut und geleitet hat, unterstreicht vor allem die grosszügige Haltung Deutschlands: «Deutschland führt die Provenienzforschung durch und trägt auch deren Kosten, wie auch jene für alle Verhandlungen mit allfälligen Erben und für mögliche Prozesse. Damit nimmt man dem Kunstmuseum den grössten Teil der Verantwortung ab.» Von den Bernern zeigt er sich hingegen eher enttäuscht: «Deren Haltung ist kleinlich. Ich vermisse die grosse Geste.» Hinsichtlich der entarteten Kunst habe man eine Chance verpasst: «Eine Möglichkeit wäre gewesen, alle als sogenannt <entartet> taxierten Werke jenen Museen als Dauerleihgabe zu überlassen, aus denen die Nazis sie geraubt hatten.» Im Abkommen wurde jedoch lediglich festgehalten, dass Leihanfragen betroffener Museen prioritär behandelt werden.

Im Reich der Spekulationen

Raschèr hätte es auch begrüsst, wenn man im Abkommen bezüglich einer Forschungsstelle am Kunstmuseum Bern nicht nur eine Absichtserklärung abgegeben hätte, sondern wenn das Museum, der Kanton Bern und der Bund diese Stelle gemeinsam und definitiv einrichten und finanzieren würden: «Dies wäre auch ein Signal der Schweiz gegen aussen gewesen, um zu zeigen, dass auch wir einen Beitrag leisten zur Aufarbeitung eines dunklen Kapitels der europäischen Geschichte.»

Doch wie schätzt der Jurist Raschèr die Gefahr von Klagen gegen das Kunstmuseum Bern ein? «Totale Sicherheit haben wir im Leben nie. Das Museum hat das Risiko einfach auf Deutschland übertragen – auch das eine Frage der Haltung.» Zwar sei das Museum Eigentümer der Werke. Aber wenn man die Vereinbarung einhalte, wie sie auf dem Papier stehe, und Raubkunst ohne Wenn und Aber zurückgebe, sei die Wahrscheinlichkeit laut Raschèr klein, dass dem Museum eine Klagelawine drohe, wie es der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, letzte Woche angedroht hatte. Hingegen sei noch nicht klar, ob die Verwandten Gurlitts eine Chance hätten, gegen das Kunstmuseum Bern zu klagen: «Es besteht die Möglichkeit, dass das Testament angefochten wird. Solange dies nicht geschehen ist, befinden wir uns im Reich der Spekulationen.»

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