«Man muss ganz bei sich sein»

Mit Erotik und Voyeurismus hat Aktzeichnen rein gar nichts zu tun. Aber mit Leidenschaft für die Landschaft des menschlichen Körpers. Das ist nach drei Lektionen bei Claudia Züllig, die an der Schule für Gestaltung unterrichtet, klar.

Christina Genova
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Hochkonzentriert bei der Arbeit: Das Modell Andrea und zwei Kursteilnehmer. (Bild: Hanspeter Schiess)

Hochkonzentriert bei der Arbeit: Das Modell Andrea und zwei Kursteilnehmer. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN Man riecht sie, bevor man sie sieht. Der frische Duft ihrer Bodylotion liegt in der Luft. Andrea, das Modell aus Konstanz, ist endlich eingetroffen. Es ist kurz vor sechs. Gleich beginnt an der St. Galler Schule für Gestaltung die erste Lektion Aktzeichnen und Aktmalen nach den Herbstferien. Es ist ein wichtiger Tag. Die Teilnehmer, die bisher nur gezeichnet haben, werden heute erstmals verdünnte Ölfarbe verwenden. Damit definieren sie grob die Form des Körpers, was den Einstieg leichter macht. Die Details werden sie danach mit Graphit skizzieren. Claudia Züllig, Brille, kurze graue Haare, ist die Kursleiterin. An diesem regnerischen Spätherbstabend strahlt sie Herzlichkeit und Wärme aus. Der Zeichnungssaal ist ein hoher, nüchterner Raum mit Novilonboden und grosszügiger Fensterfront. Staffeleien sind im Halbkreis um ein Podest angeordnet. Später wird Claudia Züllig sagen: «Dieser Zeichnungssaal ist der denkbar unerotischste Ort.» Sie weiss natürlich um die mit dem Aktzeichnen verbundenen Klischees und Vorurteile. Nichtsdestotrotz sei eine Aktzeichnung etwas ungemein Sinnliches. Auch nach 20 Jahren könne sie noch schwelgen beim Zeichnen eines schönen Körpers: «Für mich ist es eine beseelte Landschaft.»

Das Laken als Schutz

Andrea ist eine zierliche Frau mittleren Alters mit dunklen Schatten unter den Augen. Die lockigen Haare hat sie hochgesteckt. Sie zieht sich in die Umkleidekabine zurück und kommt kurze Zeit später wieder; bis auf die Flip-Flops an ihren Füssen und ein weisses Baumwolllaken, das sie eng um ihren Körper geschlungen hat, ist sie nackt. Das Laken begleitet sie schon seit ihrem ersten Einsatz als Aktmodell vor 20 Jahren und hat dabei ein paar Ölflecken abbekommen: «Es hat Patina», sagt Andrea. Jedesmal, wenn sie das Podest verlässt, wickelt sie das Tuch um sich. Dreimal acht Minuten zeichnen die Teilnehmer zum Einstieg. Nach jeder Sequenz verändert Andrea ihre Position. «Ihr könnt euch ruhig etwas einzeichnen. Wir sind alle eingerostet», sagt Claudia Züllig.

Andrea steht auf dem Podest, das weisse Laken hat sie darauf ausgebreitet. Die Beine sind gekreuzt, die Hände im Rücken verschränkt. Zwei Scheinwerfer sind auf sie gerichtet. Auch ein Heizstrahler steht bereit, er wird erst in einer guten Stunde, wenn ihr kalt geworden ist, zum Einsatz kommen. Andrea hat ein weibliches Becken, kräftige Oberschenkel und eine schmale Taille. Ihr kurzer Oberkörper ist auffallend muskulös: «Man sieht, dass sie mit den Händen arbeitet», sagt Claudia Züllig. Andrea ist Physiotherapeutin. Die meisten Aktmodelle arbeiteten in einem körperbetonten Beruf: als Schauspieler, Tänzerin oder Yogalehrerin. Nur wegen des Geldes wird niemand Aktmodell: 35 Franken erhält man pro Lektion. Es sei der Respekt und die Wertschätzung der Kursteilnehmer, die ebenso zählten: «Sie haben die Modelle richtig gern», sagt Claudia Züllig.

Perfekte Hände und Füsse

Zehn Frauen sind es und drei Männer, die nun hochkonzentriert arbeiten, man hört nur das Kratzen des Graphitstifts und Giorgio Conte, der mit rauchiger Stimme «It's wonderful» singt. Claudia Züllig geht durch die Klasse und schaut den Teilnehmern über die Schultern, kommentiert aufmunternd und hilft, wenn jemand nicht weiterkommt. Die Lehrerin kennt die Eigenheiten ihrer Schülerinnen und Schüler: «Man gibt sehr viel von der eigenen Person in die Skizzen hinein, innerlich und äusserlich.» Da ist Liz, die perfekte Hände und Füsse zeichnet und erzählt, dass sie sich im Kurs verstanden fühle. Oder Rosmarie, die ältere, grauhaarige Frau mit Brille, die schon seit 15 Jahren ins Aktzeichnen kommt und von der Claudia sagt, dass sie einen sehr sicheren Strich habe. Und Setsuko, die ein Foulard als Schürze um die Hüfte gebunden hat und deren Frauen immer so sanft aussehen. Worum geht es beim Aktzeichnen? «Es geht darum, sehen zu lernen», sagt Claudia Züllig. «Du hast nur das Modell. Du kannst nichts anderes tun, als dich ganz darauf zu konzentrieren. Das hat etwas Meditatives.»

Das Bein ist eingeschlafen

«Noch eine Minute», sagt Claudia Züllig mit Blick auf die Eieruhr, «noch eine Stehende.» Andrea nimmt nun eine Ballerinapose ein. Was geht in ihr vor, wenn sich alle Blicke auf sie richten? «Ich schaue den Leuten nicht in die Augen. Ich brauche Distanz.» Und was braucht es, um als Aktmodell zu arbeiten? «Man muss ganz bei sich sein.» Claudia Züllig kann das nur bestätigen: «Die Zeichnungen sind anders, wenn das Modell sich nicht wohl fühlt.» Und gibt zu bedenken: «Auch als Zeichnender exponiert man sich.» Kurz vor acht, die Eieruhr piepst, eine Pause wird eingelegt. «Mir ist das Bein eingeschlafen», sagt Andrea und dehnt ihre Zehen, «ich muss mich ein bisschen bewegen.»

Es ist fast halb neun, die letzte Runde. Karin mag nicht mehr, sie hat eine Nachtschicht hinter sich. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien nach drei Lektionen müde, sagt Claudia Züllig. «Aber die meisten gehen entspannter nach Hause, als sie gekommen sind.»

Im Rahmen des Tages der offenen Tür an der Schule für Gestaltung St. Gallen findet morgen Freitag von 18 Uhr bis Mitternacht eine Zeichnungsnacht statt. Ein Modell steht zur Verfügung, alle sind eingeladen, mitzuzeichnen. Mehr Infos unter www.gbssg.ch

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