«Man kann nichts mehr planen»

Am Samstag hat Schlagzeug-Koryphäe Jojo Mayer mit seiner Band Nerve im Gare de Lion in Wil gespielt. Das Konzert der New Yorker Musiker war nichts weniger als eine Anleitung für das Leben in der heutigen Zeit.

Roger Berhalter
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Höchst ausgefuchst: Der gebürtige Zürcher Jojo Mayer spielt am Schlagzeug Rhythmen, die zuvor als unspielbar galten. (Bild: Coralie Wenger)

Höchst ausgefuchst: Der gebürtige Zürcher Jojo Mayer spielt am Schlagzeug Rhythmen, die zuvor als unspielbar galten. (Bild: Coralie Wenger)

WIL. Bamm! Bamm! Mit zwei wuchtigen Trommelschlägen startet Jojo Mayer den Klangfluss von Nerve, den die Band nur einmal unterbrechen wird. Das Gare de Lion ist an diesem Samstagabend gut durchmischt. Einerseits sind die Jazzfreunde da, viele älteren Semesters, anderseits die Clubfraktion bestehend aus Produzenten und DJs. Was Nerve musikalisch auszeichnet, setzt sich also bis ins Publikum fort: Die New Yorker Band übersetzt die Tradition des Jazz ins digitale Zeitalter. Vor allem Jojo Mayer, das Nervenzentrum der Gruppe, ist darin Pionier. Der gebürtige Zürcher hat mit seinem «Reverse Engineering» eine ganze Drummer-Generation beeinflusst: Er brachte die elektronischen Rhythmen der Clubmusik wieder zurück auf das akustische Schlagzeug. Er spielt, was andere für unspielbar halten, und verschiebt damit die Grenzen dessen, was am Drumset möglich ist.

Aktuelles mit kleinen Zeitreisen

In Wil zeigt Mayer virtuos, dass er mit 51 Jahren kreativ nicht stehen geblieben ist. Er hämmert aktuelle Dubstep-Beats in die Becken und lässt monotonen Electro-House stampfen. Dazwischen unternimmt er mit verschachtelten Jungle-Rhythmen kleine Zeitreisen zurück in die Neunziger. Das alles ist technisch höchst ausgefuchst und faszinierend und die Klangauswahl schlicht brillant.

Aaron Nevezie setzt die Arbeit des Drummers am Mischpult fort. Der Soundtechniker legt in Echtzeit (!) Hall und Echo auf die Beats, so dass die Snare an der richtigen Stelle dröhnt und die Hihat zu tänzeln beginnt. John Davis am Bass erweist sich als wichtiger Gegenpart zu Mayers ausuferndem Spiel. Der Klangtüftler bringt mit einem Dutzend Geräten synthetische Sounds auf seine Bassgitarre und dosiert per Fusspedal, wie stark die tiefen Frequenzen «wobbeln». Keyboarder Jacob Bergson gibt sich im Gegensatz dazu zurückhaltend, begnügt sich mit Atmosphären und Klangstreuseln und drängt nur selten mit Melodien nach vorne.

Es geht ums Improvisieren

Dann stoppt plötzlich der Fluss, und Mayer nimmt das Mikrophon zur Hand. Ein bisschen ausgezehrt wirkt er an diesem Abend, das liegt wohl an der ausgedehnten Welttournée durch Asien, Südamerika und Europa, die hinter ihm liegt. Das Konzert in Wil ist das letzte, bevor Nerve wieder nach New York zurückkehren. Mayer erklärt auf der Bühne seinen improvisatorischen Ansatz: «Vieles von dem, was ihr hier heute zum ersten Mal hört, hören auch wir zum ersten Mal.» Um Improvisation gehe es, in der Musik wie im Leben. «Heute kann man nichts mehr planen. Die Zukunft ist nicht mehr 15 Jahre, sondern 15 Monate entfernt.»

So kann man dieses Konzert also auch sehen: Als Plädoyer dafür, Pläne über Bord zu werfen und stattdessen offen zu bleiben, miteinander zu reden, die Phantasie walten zu lassen. Nerve demonstrierten im Gare de Lion jedenfalls eindrücklich, wie weit man kommt, wenn man viel phantasiert und wenig plant.