«Man hat immer eine Wahl»

Muse-Sänger Matt Bellamy über das neue Konzeptalbum «Drones», die Scheidung seiner Eltern und das genial einfache Gitarrenriff im Lied «Psycho».

Reinhold Hönle
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Wollen wieder wie Rockmusiker klingen: Matt Bellamy, Christopher Wolstenholme und Dominic Howard (v. r.) von der britischen Band Muse. (Bild: Danny Clinch)

Wollen wieder wie Rockmusiker klingen: Matt Bellamy, Christopher Wolstenholme und Dominic Howard (v. r.) von der britischen Band Muse. (Bild: Danny Clinch)

Herr Bellamy, «Drones» ist Ihr erstes Konzeptalbum. Was hat Sie dazu inspiriert?

Matt Bellamy: Ich habe vor zwei Jahren gelesen, wie Drohnen in der modernen Kriegsführung eingesetzt werden. Ich war schockiert. Die technologische Entwicklung hat dazu geführt, dass immer effizienter getötet werden kann. Dabei droht, dass jegliches Mitgefühl für die Opfer verlorengeht, weil sich Menschen nicht mehr direkt gegenüberstehen.

Haben Sie Militärdienst geleistet?

Bellamy: Mein Onkel war beim Militär, mein Vater in der Handelsmarine, und meine Grossväter kämpften im Zweiten Weltkrieg. Ich hatte aber das Glück, nicht in die Armee zu müssen.

Wie vertraut sind Ihnen die Gedanken Ihres Protagonisten, der durch «eine dunkle Phase geht»?

Bellamy: Es gibt in der Biographie jedes Menschen Momente, in denen er sich verloren fühlt. Bei mir war das mit dreizehn, als sich meine Eltern trennten. Ich verstand nicht, was passierte, und hatte das Gefühl, die Kontrolle über mein Leben zu verlieren.

Wie haben Sie diese Zeit gemeistert?

Bellamy: Ich merkte, dass man sich nur auf sich selber verlassen kann. Doch auch wenn alles in die Brüche geht: Man hat eine Wahl. Man kann sich Gefühlen stellen oder sie verdrängen. Mein Protagonist entscheidet sich zuerst, innerlich tot zu sein. Doch dann überwindet er die Leere. Kraft und Gefühle kehren zurück, er geht wieder Beziehungen ein.

Ist das Lied «Revolt» als Aufforderung an die Fans gedacht?

Bellamy: Ja, in der Zeit von religiösem Extremismus, von manipulierenden Grossfirmen, von Machtmissbrauch in Politik und Militär muss man auffordern, eine Immunität gegenüber den Kräften aufzubauen, die zu kontrollieren versuchen.

Haben Sie bei der musikalischen Umsetzung dieser Botschaft bewusst auf weniger Technik gesetzt?

Bellamy: Mein Konzept war es, über Drohnen nachzudenken. Der Eindruck, dass wir in der technologischen Entwicklung vielleicht einen Schritt zu weit gegangen sind, hat alle Aspekte beeinflusst: Text, Musik, Stil, das ganze Zusammenspiel.

Muse ist 20 Jahre alt. Der Moment, um Kurskorrekturen vorzunehmen?

Bellamy: Jedes der letzten Alben war experimenteller als das vorherige. Wir haben die Rock-Regeln immer weiter gebrochen, bis wir unsere eigenen Produzenten werden mussten. Wenn man glaubt, überall gewesen zu sein, wo man hinkommen kann, geht man an den Anfang zurück.

Wie hat sich das angefühlt?

Bellamy: Als wir zum einfachen Gitarre-Bass-Schlagzeug-Motto zurückgekehrt waren, war das sehr erfrischend. Es kam uns vor, als würden wir unsere Instrumente total anders spielen und anders interagieren als früher – fokussierter und klarer.

Genial einfach ist das Gitarrenriff in «Psycho». Wie ist es entstanden?

Bellamy: Das erste Mal müssen wir es 1999 gespielt haben. 2006 tauchte es wieder auf, lungerte live herum, war aber in kein Lied fest eingebaut. Als wir wieder wie eine Rockband klingen wollten, war dieses Riff immer da. Es erinnerte mich an «Uprising». Produzent Mutt Lange war von der Urfassung begeistert. Er meinte, dass ich einige Passagen wiederholen sollte, damit daraus ein richtiger Song wird.

Sie rocken die Stadien, ziehen abseits der Bühne aber keine Schau ab. Wie schaffen Sie diesen Spagat?

Bellamy: In meiner Jugend war ich sehr introvertiert. Mich in und mit der Band zu entdecken, hat mich positiv verändert.

Muse: «Drones», Warner Brothers, ab morgen im Handel.

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