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«Man erwartet von einem Flüchtling, dass er arm ist»

Der Berner Filmemacher Mano Khalil hat Flüchtlingslager in Griechenland, im irakischen Kurdistan und in der Türkei besucht. Daraus entstand ein bewegender Film, der den Auftakt für die Ausstellung im Zürcher Landesmuseum bildet. Schüsse fallen, Häuser explodieren.
Melissa Müller
Regisseur Mano Khalil ist 1996 in die Schweiz geflohen. (Bild: PD)

Regisseur Mano Khalil ist 1996 in die Schweiz geflohen. (Bild: PD)

Der Berner Filmemacher Mano Khalil hat Flüchtlingslager in Griechenland, im irakischen Kurdistan und in der Türkei besucht. Daraus entstand ein bewegender Film, der den Auftakt für die Ausstellung im Zürcher Landesmuseum bildet. Schüsse fallen, Häuser explodieren. Männer retten ein Kind aus den Trümmern. Auch das Dorf von Khalils Kindheit ist heute zerstört. Er studierte Jus in Damaskus. Seine Dokumentarfilme sind preisgekrönt – darunter «Unser Garten Eden» über eine Schrebergartensiedlung und «Der Imker» über einen kurdischen Flüchtling.

Herr Khalil, auch Sie mussten 1996 aus dem syrischen Teil Kurdistans fliehen. Warum?

Nicht aus Armut oder Hunger, sondern weil ich meine Filme da aus politischen Gründen nicht mehr drehen konnte. Ich bin dankbar, dass ich in der Schweiz in Freiheit leben und arbeiten kann. Es macht mich aber auch traurig, wenn die Leute über Flüchtlinge lästern, zum Beispiel wenn diese ein iPhone besitzen.

Warum?

Man erwartet von einem Flüchtling geradezu, dass er arm ist und bis auf die Knochen abgemagert um Hilfe fleht. Dabei kann jeder zum Flüchtling werden. Durch einen Erdrutsch, eine Atomkatastrophe, einen Tsunami. Davon sind auch Gutsituierte betroffen. Auch in Syrien gab es Fabrikbesitzer, die ein teures Auto und schöne Kleider besassen und nun vor dem Nichts stehen.

Sie haben durch den Krieg in Syrien Freunde und Familienmitglieder verloren.

Vor zwei Jahren haben IS-Terroristen meine Nichte umgebracht. Sie war eine hübsche junge Frau, 25, hatte studiert und geheiratet und war im fünften Monat schwanger. Dieser Krieg ist in meiner Familie.

Was unterscheidet Ihren Film von den Schreckensbildern aus der «Tagesschau»?

Ich bin kein Auftragsjournalist, der schnell hingeht und wieder verschwindet, ohne die Namen der Leute zu kennen, sondern ich bleibe lange in den Flüchtlingslagern, bis die Menschen mir ihr Herz öffnen. Ich will die Emotionen aus meinen Protagonisten herausholen. Ich weine mit diesen Menschen, denn ich kenne den Schmerz, den sie erleben.

Haben Sie in den Kriegsgebieten denn skrupellose Journalisten getroffen?

Die meisten dieser Kriegsfotografen sprechen kein Wort Arabisch oder Kurdisch. Im Flüchtlingslager in Idomeni sah ich eine Frau mit einem Baby im Arm. Im Dreck lagen Spielkarten. Ein Journalist nahm ein paar dieser Karten auf, drückte sie dem Baby in die Hand und fotografierte drauflos, ohne die Mutter zu fragen. Das finde ich ethisch fragwürdig.

Was ist Ihre Botschaft?

Ich will der Tragödie Konturen geben und zeigen, wie jemand zum Flüchtling wird. Menschen, die hart gearbeitet und ein Haus gebaut haben, um ihren Kindern eine Perspektive zu bieten – und die alles verloren haben. Die nun in einem Zelt frieren und von morgens bis abends auf ein Stück Brot warten.

Was hat Sie besonders berührt?

Ich traf etwa einen Mann mit vier Kindern, die alle unter einer Krankheit leiden, die sie erblinden lässt. Zwei der Kinder waren bereits blind, das dritte begann zu erblinden. Ein Arzt hätte ihnen helfen können.

Wie sind Sie in solchen Situationen mit Ihrer Hilflosigkeit umgegangen?

Hilflosigkeit ist, wenn man den anderen nicht Leben schenken kann. Es ist so verdammt einfach, Leben zu retten, aber manchmal auch so schwierig... Ich wusste von einem kleinen Kind, das Vollwaise geworden war. Seine Eltern waren in Aleppo durch eine Bombe getötet worden. Ich wollte diesem Kind helfen und es in meiner Familie in der Schweiz aufnehmen. Aber sein Onkel im Flüchtlingslager Bab Al Salama im Norden von Aleppo sagte: «Dieses Kind bleibt hier. Wir leben und sterben zusammen.»

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