Malen mit Nadel und Faden

«Fragile» heisst die Ausstellung der St. Galler Künstlerin Katrin Mosimann in der Galerie der Migros Klubschule im Bahnhof. Alle Werke sind mit der Nähmaschine entstanden und überzeugen in ihrer Leichtigkeit mit Andeutendem.
Martin Preisser
Katrin Mosimann vor ihrer Arbeit «Alles wird gut». (Bild: Benjamin Manser)

Katrin Mosimann vor ihrer Arbeit «Alles wird gut». (Bild: Benjamin Manser)

Die grossformatigen Arbeiten sind bis auf eine Ausnahme nicht gerahmt. «Wie ich selbst wollen die Bilder vielleicht nicht eingespannt sein», sagt Katrin Mosimann. Bilder aus Stoff und Papier, und die Sujets mit Fäden aufgenäht, Bilder, die beim Vorbeilaufen anfangen zu wehen, voll Poesie, aber auch voll Flüchtigkeit.

Mit Nadel und Faden zu malen und einfache Stoffe künstlerisch einzusetzen, dazu hat sich Katrin Mosimann gar nicht entscheiden müssen. Sie ist gelernte Damenschneiderin. «Ich habe schon eine Technik», hat sie ganz pragmatisch für ihre Kunst beschlossen. Überhaupt scheint Katrin Mosimann ihre Kunst – auch im Gespräch – nicht unnötig gedanklich aufladen zu wollen. Kunst mit dem Hauch des Angedeuteten, Kunst der Zartheit und des wie Hingeworfenen – darin liegt gerade die Kraft der Arbeiten.

Erinnerungen

Fäden, oft rote, hängen herab, aus einem Faden können sich in immer schnellerer Vergrösserung Menschenketten bilden. Bilder aus Nordafrika, aus dem arabischen Raum werden ohne grosse Andeutung deutlich. Reiseerinnungen fliessen ein, sind aber auf diesen Arbeiten eher ein Randphänomen. Tagesaktuelle Bilder können Mosimann zu Kunst anregen, aber auch diese bleiben völlig unplakativ im Hintergrund.

Letztlich scheinen viele Sujets nur als geheimnisvolle Chiffren für Einsamkeit, Fragilität oder Verlassenheit zu wirken, vielleicht auch für die Sehnsucht danach, eben nicht einsam und verlassen zu sein. Viele Menschen wirken vermummt, zeigen kein Gesicht, so als wollten sie sich schneller Klassifizierung von Ästhetik und Schönheit entziehen. «Wie wäre es, wenn wir alle gleich aussähen», fragt Katrin Mosimann. Man merkt ihr an, dass sie dieser Gedanke kaum beunruhigen würde.

Kinder stehen in Menschenmengen oder liegen zwischen Teddys und Puppen, umgeben und doch irgendwie auf sich allein gestellt. Vorsichtig scheinen sie sich bemerkbar machen zu wollen. Gerade das Textile der Arbeiten unterstützt bei Katrin Mosimann die künstlerische Aussage ganz besonders. Und wie ihr mit den langen Nähmaschinen-Fadengebilden immer wieder und variationsreich Poesie gelingt, ist ein Reiz dieser speziellen Ausstellung.

Dieses Am-Faden-Bleiben gibt dieser Kunst Gehalt. Und Katrin Mosimann benötigt kein üppiges Ausgangsmaterial. Quadratische Spültücher, orange und grün, Billigstes für den Haushalt, reichen ihr, um sich darauf mit Miniaturen auszuleben.

Unspektakulär intensiv

Und auch da reichen oft kleine Motive oder ein Ausschnitt, um Welten zu evozieren. Ein halber menschlicher Körper und ein halber Schweinekörper, auf einen kleinen Spüllappen genäht. Dieses Bild sagt mehr als tausend Medienbilder aus Überschwemmungs- und Katastrophengebieten. Gerade im kleinen, im unspektakulären der Machart bekommen Katrin Mosimanns Arbeiten Bedeutung, prägen sich seltsam ein. Erinnerungen mit Nadel und Faden, aber auch kleine, vorsichtige Fingerzeige auf das Vorübereilende, das Fragile eben: Gestaltet auf einfachsten Stoffen werden sie zu Kunst-Stoffen.

Bis 19. Februar. Migros Klubschule, Kultur im Bahnhof, 1. OG. Mo–Fr: 8–22; Sa + So: 9–16 Uhr

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