Mal «wow», mal «oje» – wie im Leben

Max Küng geniesst als Journalist Kultstatus – auch sein Romandébut ist kultig und journalistisch. Er erzählt darin eine beinahe wahre Geschichte und lässt uns eintauchen in ein ganz wahres Lebensgefühl. Max Küng liest am Donnerstag im «Palace» in St. Gallen.

Anna Kardos
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Brille und Bart sind sein Markenzeichen. Und hinter beidem der Kopf. Der Journalistenkopf von Max Küng, geboren 1969, Redaktor bei «Das Magazin». Durch den Kopf rattern einmal pro Woche die neuesten Kolumnen. Auf der einen Seite gehen Alltagsfragen rein wie «Plastiksack – ja oder nein?», abenteuerliche wie «Wohin mit dem Skorpion aus der Reisetasche?».

Solcherlei Fragen werden mit Humor gewaschen, mit Coolness imprägniert, mit etwas Trash verziert und verlassen den Küngschen Kopf anschliessend, um im «Magazin» zu landen. Oder auch mal in einem Buch mit Textcollagen. Nur diesmal nicht. Denn diesmal landen sie in einem Roman.

Hurra, ein Liebesroman!

Sogar in einem Liebesroman. «Sehr gut», denkt die Leserin. Denn mit guten Liebesromanen ist die Schweizer Literatur diesen Frühling etwas sparsam gewesen. «Wir kennen uns doch kaum» verspricht, ein guter Liebesroman zu werden.

Der Klappentext beginnt so: «Moritz schreibt Meta. Meta schreibt zurück. So geht das monatelang. Aber es ist kompliziert. Sie lebt nicht allein und in Berlin. Er in einer kleinen Stadt in der Schweiz.» Und er verspricht eine wahre Geschichte, die Max Küng selbst erlebt hat. Und die er seine Leser miterleben lässt. Küng schreibt: «Wir sehen: einen Mann. Er hat seine Wohnung verlassen, mit dem Schlüssel abgeschlossen, einmal, zweimal, zur Sicherheit die Falle heruntergedrückt.»

Der Mann heisst Moritz. Markenzeichen: Brille und Bart (Ähnlichkeiten mit Lebenden nicht zufällig). Die Frau heisst Meta (Ähnlichkeit mit einer Lebenden nicht zufällig). Moritz lebt in einer «kleinen Stadt» (Ähnlichkeiten mit Basel nicht zufällig), fährt ausschliesslich Velo. Aber es ist nicht nur die Stadt, nicht nur das Velo, Moritz' Hosen (Modell: Cargo) und seine Lieblingsbar (Modell: Cargo), mit denen Max Küng seine Leser eintauchen lässt in eine Zeit, und ja, in ein Lebensgefühl.

2001 wirkt total retro

Es ist auch die Figur von Moritz, es sind seine unbezahlten Rechnungen, sein Umgang mit Zeitdruck und nicht zuletzt sein Modem, das sich ewig lange einwählt… und einwählt… und einwählt. Noch hat es sich nicht fertig eingewählt, schon steigt das Jahr 2001, in dem die Geschichte spielt, aus der Erinnerung hoch. 2001? Das ist doch noch nicht allzu lang her. Und doch wirkt es total retro.

Tatsächlich durchzieht den Roman eine gehörige Portion Retrocharme – und mit ihm eine «gar-nicht-unerträgliche» Leichtigkeit des Seins. Beides sorgt dafür, dass man das Buch einfach mögen muss. Nicht so klar ist das bei den Protagonisten Meta und vor allem Moritz. Etwa, wenn die beiden wieder mal zu gewollt speziell sind: «Was macht Georg?», schreibt Moritz in seiner E-Mail. «Er ist Architekt», antwortet Meta. «Architekt? Echt? So mit schwarzem Rollkragenpullover?» «Nein, er ist eher der Schlabbershirt-Typ.» «Aber wenn er tanzt, sieht es dann so aus, als hätte man ihm die Kniegelenke entfernt?» Solche Passagen haben ein ähnlich tiefes Humorniveau, wie wenn Moritz seine Exfreundin «Bongofrau» nennt oder in einem Chatroom herumulkt: «Ich war mal in der Drogenklinik. Da gab's lecker Frühstück! Leberkäse zum Rauchen.»

Aber gerade das macht die Authentizität des Buches aus, dass es die gesamte Bandbreite der Sprache abbildet. Wie im realen Leben, wo auch ein Witz in die Hose gehen kann und ein anderer – aus demselben Mund, demselben Kopf – einen nur «Wow!» denken lasst. Im Roman ist das «Wow» meist Max Küngs Beobachtungsgabe zu verdanken, seinem Talent zur Überraschung und zum Rhythmus.

Beispiel gefällig? «Paul suchte ein Glas, fand zwei, schenkte ein.» Das ist so sparsam wie beredt, so cool wie swingend und macht den Journalisten mit Kultstatus für einen Moment zum schwerelosen Sprachmusiker.

Max Küng: Wir kennen uns doch kaum, Rororo 2015, 285 S., Fr. 14.90 Lesung 7.5., 20 Uhr, Palace St. Gallen

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