Mal Orpheus, mal Eurydike

Auf der Opernbühne ist Sunhae ein Wirbelwind; höchst lebendig sind ihr jetzt die vier wenig bekannten Orpheus-Kantaten auf ihrem ersten Soloalbum geglückt. Im Februar war die koreanische Sopranistin in St. Gallen zu hören.

Bettina Kugler
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Sunhae Im (Lilac)

Sunhae Im (Lilac)

Am liebsten würde sie nichts anderes tun als arbeiten. Doch als Sängerin muss Sunhae Im ihre Lust zuweilen zügeln. «Man kann leider nicht sechs Stunden am Tag proben», sagt sie, «in dieser Hinsicht beneide ich andere Musiker.» Sie weiss, wie empfindlich die Stimme reagieren kann, wie schnell es passiert, dass man sie zu stark beansprucht. Also sitzt sie hier in der Hotellobby, lässt versonnen den Löffel in ihrer Tasse mit Kräutertee kreisen und – schwärmt.

Von der Arbeit mit Alte-Musik-Spezialist René Jacobs beispielsweise. Unter seiner Leitung hat sie eine ganze Reihe von Mozart-Opern gesungen und Bachs grosse Passionen. Vor jedem Projekt schickt er seinen Sängern handbearbeitete Partituren, übersät mit Anmerkungen und Verzierungen. Natürlich nur Vorschläge! Zumal bei so intelligenten Künstlerinnen wie Sunhae Im. Begeistert erzählt sie von den wunderbaren Entdeckungen, die sie auf weitgehend unbekanntem Terrain gemacht hat, als sie auf der Suche war nach Stücken für ihr erstes Soloalbum. Bei italienischen und französischen Komponisten des 18. Jahrhunderts: Pergolesi, Scarlatti, Rameau und Clérambault.

Für Barockmusik geschaffen

Und sie schwärmt von der Pracht der St. Galler Kathedrale, die sie an jenem Vormittag besichtigt hat. Nicht nur aus touristischer Neugier: Sunhae Im stammt aus einer christlichen Familie; ihre erste musikalische Prägung verdankt die Südkoreanerin ihrer Mutter, Leiterin eines katholischen Kirchenchors. Umso erstaunter nahm Sunhae Im während ihrer ersten Monate in Europa zur Kenntnis, wie leer hierzulande die Kirchen oft sind. Es sei denn zur Weihnachts- und zur Passionszeit. «Da spürte ich, wie stark diese musikalische Tradition ist, und wie tief verwurzelt im Bewusstsein der Menschen.»

In Südkorea war sie allenfalls mit Händels «Messias» und Haydns «Schöpfung» in Berührung gekommen. Doch sie merkte schnell, dass ihre flexible Stimme für Barockmusik wie geschaffen war. Wie für Mozart, Schubert, Fauré, für alles, was die Seele in Schwingung versetzt. Kommt hinzu, dass sie sich leicht und natürlich auf der Bühne bewegt. Anfangs gab es ein paar Regisseure, die sie ablehnten – allein wegen ihres Namens. Diese Zeiten sind längst vorbei. Mindestens ebenso gefragt ist sie als Konzertsängerin.

Als sei es eine zweite Haut

Ganz gleich, ob sie mit Schuberts «Hirt auf dem Felsen» im schönsten Idyll plötzlich in den Abgrund schaut, ob sie als Bauernmädchen Zerlina in Mozarts «Don Giovanni» neckisch mit sich ringt und der Versuchung einfach nicht widerstehen kann oder – wie im Februar im Brahms-Requiem mit dem Sinfonieorchester St. Gallen – unendlich zart und zugleich zuversichtlich den Chor aus Traurigkeit zu Trost geleitet: Sunhae Im singt stets mit jeder Faser, mit Haut und Haar. Sie schlüpft in die Musik, als sei sie eine zweite Haut. Gleich mit dem ersten Ton beginnen ihre Figuren zu leben. Ohne Theaterschminke, ohne einstudiert wirkende Posen.

Das ist auch jetzt so, auf ihrem Soloalbum mit der Akademie für Alte Musik, nach etlichen preisgekrönten Einspielungen, an denen sie beteiligt war – meist unter Leitung René Jacobs. Zwar sieht man nicht die Verzweiflung, mit der Orpheus in Giovanni Battista Pergolesis Solokantate «Orfeo» horcht und Ausschau hält nach der verlorenen Liebsten, wie er der Leier seine Qualen erzählt. Dennoch ist jede Regung des Herzens unmittelbar gegenwärtig und hörbar; es wirkt, als stünde Sunhae Im gerade auf der Bühne und mache ihr Publikum vergessen, dass es sich im Theater befindet. Oder zu Hause am CD-Gerät.

Eher zufällig für sich entdeckt

Orpheus: Die Rolle des Sängers aus der griechischen Sagenwelt passt zu ihr. Seit sie vor Jahren aus ihrer Heimat Südkorea zum Aufbaustudium nach Karlsruhe kam, liegen ihr Kritik und Publikum zu Füssen. Dabei wollte sie, ausgerüstet mit gründlicher Ausbildung im leichten Belcanto-Fach, eigentlich nur ihr Lieblingsrepertoire vertiefen: das Kunstlied. Ihr Auftritt 2001 im Berliner Konzerthaus mit Schuberts Liedkantate «Der Hirt auf dem Felsen» gehört zu den Meilensteinen ihrer Karriere. Die Alte Musik entdeckte Sunhae Im eher zufällig für sich. Sie war davon hingerissen – und es dauerte nicht lange, bis Dirigent Philippe Herreweghe anrief. Er brauchte kurzfristig eine Einspringerin für eine Bach-Passion: Es war der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser, nach dem viele Sänger von heute auf morgen ganz oben auftauchen.

Natürlich hat sie schon die Eurydike gesungen, sowohl in Monteverdis «Orfeo» als auch in Glucks späterer Version des antiken Mythos. Nun die Perspektive zu wechseln, sich in den klagenden Sänger und Liebenden hineinzuversetzen, fand sie spannend. Ganz abgesehen davon, dass die stilistische Bandbreite der vier Kantaten erstaunlich gross ist, trotz zeitlicher Nähe der Komponisten. Bisher gab es keine Aufnahmen von ihnen; es reizte sie daher, Pionierarbeit zu leisten, sie «neu zum Leben zu erwecken», wie sie sagt. Wie Orpheus die verblichene Eurydike.

Orfeo(s). Italienische und französische Kantaten. Sunhae Im, Akademie für Alte Musik Berlin, Harmonia Mundi HMC 902189

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