MAIL AUS BERLIN

Halbzeit Berlin hat keine Toiletten in den Cafés. Das ist übertrieben, aber ebenso wahr. Es gibt Scheisshäuser, Ekelecken, Klos, Bruchbuden, stille Kreativorte, Baustellen, Wartungshäuschen. Und manchmal gar nichts davon.

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«Berlin ist gross und ich bin klein», sagt Rebecca C. Schnyder. (Bild: Rebecca C. Schnyder)

«Berlin ist gross und ich bin klein», sagt Rebecca C. Schnyder. (Bild: Rebecca C. Schnyder)

Halbzeit

Berlin hat keine Toiletten in den Cafés. Das ist übertrieben, aber ebenso wahr. Es gibt Scheisshäuser, Ekelecken, Klos, Bruchbuden, stille Kreativorte, Baustellen, Wartungshäuschen. Und manchmal gar nichts davon. So geh ich nach der Bestellung von Milchkaffee und Bagel schnell über die Strasse ins Restaurant. Man ist schliesslich grad einige Stunden über den Flohmarkt am Mauerpark geschlendert. Oder gedrückt worden.

Brot vom Vortag

Die Berliner lieben Brot. Vielleicht sogar die Deutschen generell. Steinecke, Ditch, Wenzel, le Crobag, Backhäusle gib's mir. Du fällst von Schrippe zu halbem Weissen. Hörnchen kann man nicht essen, zum Glück gibt's auch Croissants. Die vom Vortag fünfzig Cent billiger und schmecken auch so.

Wer Brot nicht liebt, ist Aussenseiter, weil es kommt in Scheiben. Mit Karotten drin. Halleluja. Auch in Berlin haben Künstler wenig Geld. Und weil die Stadt so angesagt ist, ist secondhand nicht secondhand sondern vintage und deswegen teuer. Alter Pulli von Oma? Vintage. 20 Euro auf'm Flohmarkt. Danke nein, ich wühl in der 1-Euro-Kiste und nehme heim, was zu abscheulich ist, dass auch ein Hipster nicht cool genug ist, es als Style zu verkaufen. Also trag ich das eklige 80er-Grün, aber niemand sagt: «Super, bestimmt vintage, woher?»

Diszipliniert und trinkfest

Berlin ist ungesund. Man geht aus und trinkt und raucht, auch wieder drinnen, und wer braucht schon Schlaf, der kam hier vor Jahren aus der Mode. Arbeiten gehen sie dann doch, faul sind sie nicht und ein wenig diszipliniert, weil trinkfest. Nur leider zahlt keine Krankenkasse den Nervenzusammenbruch nach dreieinviertel Monat Exzess, der unvermeidlich dich ereilt. Ich bin dann langweilig und bleib am dritten Abend daheim und meine Leber sagt Danke ein bisschen.

Berlin ist gross und ich bin klein, aber das wussten wir schon im voraus. Und dann gewöhnt man sich doch an die 152 Quadratmeter und hört auf, durch die Wohnung zu joggen. Dafür geht man ins Yoga, weil das ist gesund, und vielleicht lernt man die Ruhe. Allerdings ist die Stadt erstaunlich leise.

Dort, wo die hippen Leute sich aufhalten, da wird, wenn nicht spanisch gesprochen, mehrheitlich geschwiegen. Alle sitzen sie vor ihren Macs und arbeiten, natürlich freelance, für eine Galerie in Mitte oder ein Kulturbüro oder sonst etwas hippes. Yo no hablo español und einen Mac hab ich auch nicht. Ich kann also nicht mithalten. Habe ich schon erwähnt, dass Berlin mich zuweilen einschüchtert?

Hunderttausend Kneipen

Immerhin, so was wie Freunde hab ich gefunden, ich lade ein zu Eat'n Meet und Menschen kommen und das freut, weil dann ist man nicht so alleine. Ich bin das aber oft, denn mein Beruf ist kein sozialer, im Gegenteil. Aber ich kann ja etwas unternehmen, jeden Tag, in geschätzte 100 Filme gehen, über 20 verschiedene Inszenierungen ansehen oder in einer von Berlins hunderttausend Kneipen was trinken.

Das Angebot ist überwältigend, Berlin schreit förmlich «Unternimm was». Wer zu Hause bleibt, verpasst die Welt. Ich halt mir dann die Ohren zu. Trotzdem habe ich vom nackten Fritz erfahren, der mit einer Pudelmütze bekleidet durch den Kiez fährt, seit er vom Richter zum Tragen von Kleidung verurteilt wurde. Ausschliesslich einer Pudelmütze. Ob ich mittlerweile hier angekommen bin? Ich würde es gerne glauben. Übrigens ist das keine Kolumne sondern ein Gemütszustand. Das ist so Berlin.

Rebecca C. Schnyder