MAIL AUS BERLIN

In den Zeiten von Pluto Berlin sammelt kreative Menschen wie Briefmarken. Diese wiederum zeigen gerne ihre eigenen Sammlungen, in unzähligen Galerien, auf grossen und kleinen Bühnen, in Ausstellungen, auf Festivals.

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In den Zeiten von Pluto

Berlin sammelt kreative Menschen wie Briefmarken. Diese wiederum zeigen gerne ihre eigenen Sammlungen, in unzähligen Galerien, auf grossen und kleinen Bühnen, in Ausstellungen, auf Festivals. Neben den üblichen Veranstaltungen, zu denen man sich hingezogen fühlt – es sind dies in meinem Fall das Theater und gewisse Kunstausstellungen –, bietet die Stadt also eine breite und bunte Palette an Möglichkeiten, sich auch mit neuen Gefilden zu befassen, in ungewohntes Terrain vorzustossen.

Eine Chance, die genutzt werden will, besonders wenn man einen Gratis-Festivalpass bekommt, weil man die Macher kennt. Zwei Menschen aus dem Kreis derjenigen nämlich, die mir lieb geworden sind in den letzten Monaten hier, arbeiten für die Transmediale. Ein Wort, das seit dem ersten Aufeinandertreffen mit besagten Herren im Oktober ein ständig präsenter Begriff war und ist. Und doch nie so ganz fassbar wurde für mich. Trotz dem leicht gelichteten Nebel dank der Bezeichnung «Festival für Kunst und digitale Kultur» auf den Werbepostkarten.

Digitale Kultur – das ist nicht der Kuchen, den ich selber backe oder allzu häufig esse. Ich musste ihn mir also wohl oder übel erarbeiten. Und das in die Vollen. Denn wenn ich etwas mache, dann mach ich es ganz, Halbwahrheiten sind für Angstpeter. So habe ich innert vier Tagen ein Total an 53 Stunden im Haus der Kulturen der Welt verbracht, also dem Ereignisort der Transmediale, dazu kommen ein paar Stunden im Berghain und Stattbad am Partnerfestival CTM.

Schwieriges Kürzel

Ich habe zwei offene Diskussionen besucht, drei Konferenzen beigewohnt, sechs Screenings angesehen und mich in zwei Performances reingesetzt. Fernerhin mir die dreiteilige Ausstellung zu Gemüte geführt und per Rohrpostsystem so genannte Mail Art verschickt. Alles unter dem Leitfaden BWPWAP – Back when Pluto was a planet. Das Kürzel kann ich auch nach vier Tagen noch nicht auswendig fehlerfrei aufsagen. Aber ich weiss, es ist einerseits ein Ausdruck für veraltete Sachen, besonders im Bezug auf die digitale Welt (und hierin hat das Wort «veraltet» eine ganz andere, viel kleinere Dimension), gleichzeitig steht er stellvertretend für die Frage nach der Definition qua Begrifflichkeit.

Oder ist denn Pluto heute ein anderer als vor 2006? Denn bis dahin galt er als Planet, heute ist er bloss noch Zwergplanet, wenn überhaupt. Der Arme wurde Opfer eines Bezeichnungsentzugs und darf nicht mehr mitspielen bei den Grossen. Irgendwie gemein.

Digitales Theater erfinden?

Mein Kuchen oder nicht, anregend waren die meisten Veranstaltungen, wie ein Blick in mein Notizheft zeigt. Was ich damit anfange werde, wird sich zeigen. Vielleicht erfinde ich ein digitales Theater neu, oder so. Aber während sich die Frage stellt, inwiefern Definition und Begrifflichkeit der Zeit unterliegen, muss ich mich vor allem selber fragen, was die digitale Ära für mich als Autorin bedeutet. Abgesehen davon natürlich, dass ich dankbar bin, nicht mit Tinte und Feder schreiben zu müssen. Das wär uh mühsam und ich wäre dann doch lieber Försterin geworden. Eine Antwort hierzu gibt Kenneth Goldsmith: «In the future, the best writers will be the best filterers.» Im digitalen Zeitalter ist der Autor gleichzeitig Herausgeber, Editor und Verteiler. Dann hab ich also doch noch zu tun. Auch gut.

Rebecca C. Schnyder