Männergefühle unter dem Helm

Vier energiegeladene Männer und eine grosse Liebe: In «Pit Stop or the Lollipop Man» geht es um schnelle Autos und den Fetisch Perfektion. Zu sehen ist das Tanzstück von Exequiel Barreras ab Sonntag in der Grabenhalle.

Bettina Kugler
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Gas geben, mit dem Tod tanzen: In «Pit Stop» nehmen es vier Tänzer mit der Faszination Angst auf (vorn: Jack Widdowson, Tobias Spori). (Bild: Benjamin Manser)

Gas geben, mit dem Tod tanzen: In «Pit Stop» nehmen es vier Tänzer mit der Faszination Angst auf (vorn: Jack Widdowson, Tobias Spori). (Bild: Benjamin Manser)

ST. GALLEN. Sie stehen in einer Reihe, und sie stehen für Tempo und technische Präzision: vier junge Männer, Automechaniker in grauen Overalls, konzentriert, kraftstrotzend, energiegeladen. Jetzt aber lähmt eine unsichtbare Kraft ihre Körper. Die Blicke sind starr geradeaus gerichtet; nur ihre Münder sind in Bewegung, unablässig stürzen Wörter und Sätze hervor.

Flirt mit dem Limit

«Der zweite ist der erste Verlierer», hören sie sich sagen; «der Tod des Fahrers ist der Tod der Perfektion», und dann einen Satz von Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher: «Unter dem Helm verstecken sich unerklärliche Gefühle.» Sie zu ergründen, sie spürbar und sichtbar zu machen – das ist für Exequiel Barreras der Motor seines Tanzstücks «Pit Stop or the Lollipop Man». Es lief schon einmal auf Hochtouren, zwei Jahre lang, in seiner Heimatstadt Buenos Aires. Dort hatte Barreras zwei Schauspieler, einen Clown und einen Tänzer – und grosse Lust, für diese Besetzung eine Liebesgeschichte der anderen Art zu entwickeln. «Das Tolle war, dass wir viele Zuschauer erreicht haben, die sich vorher noch nie ein Tanzstück angeschaut haben», erzählt er.

In «Pit Stop» geht es um den Flirt mit dem Limit, um die Tuchfühlung mit dem Tod im Moment der Grenzüberschreitung. «Ich habe Angst vor dem Tod und dem Schmerz, aber ich lebe mit ihnen», zitiert Barreras den 1994 verunglückten brasilianischen Rennfahrer Ayrton Senna; «die Angst fasziniert mich.»

Spielort des Stücks ist die Boxengasse, jener schmale Gang, in dem bei Formel-1-Rennen in Sekundenschnelle die Reifen gewechselt werden. Eine hochgefährliche Routinearbeit – in «Pit Stop» freilich warten die vier Mechaniker auf ein Fahrzeug, das nie eintrifft. Der Soundtrack dazu: Heavy Metal von AC/DC, Musik von Steve Reich, die Arie «Komm, süsses Kreuz» aus Bachs Matthäuspassion. Leiden und Leidenschaft berühren sich und prallen hart aufeinander.

Verrückt, verspielt, verschwitzt

In der Boxengasse offenbart sich nicht nur eine verrückte, verspielte, verschwitzte Männerpassion – sondern auch der Geist einer Gesellschaft, die Fehler nicht zulassen kann. «Accept the mistake»: Die vier Feuerköpfe, die hier in rund sechzig Minuten die Gefühle unter dem Helm tänzerisch, mit Sprache und Mitteln des Schauspiels entfalten, müssen sich das wie ein Mantra einreden. Und werden unter der harten Schale ihre sensible, verletzliche Seite zeigen.

Dafür konnte Exequiel Barreras, seit 2010 Mitglied der Tanzkompanie am Theater St. Gallen und zusammen mit der Tänzerin Hella Immler Begründer der freien Tanzkompanie Rotes Velo, schnell auch hier vier Kollegen begeistern. Mit Tobias Spori und Yannick Badier hat der Argentinier bereits unter Marco Santi getanzt; Jack Widdowson und Hoang Anh Ta Hong sind mit der neuen Tanzchefin Beate Vollack ans Theater St. Gallen gekommen. Dass sie aus vier Ländern kommen und im Stück vier Sprachen sprechen, dieser «Fruchtsalat» gefällt Barreras gut.

Aufschwung der freien Szene

Erst recht, dass solche Projekte neben der Arbeit in der Tanzkompanie möglich sind. «Es ist gerade viel in Bewegung; die freie Tanzszene hat im letzten Jahr einen enormen Aufschwung erlebt.» An diesem Abend im Ballettsaal arbeiten sie männlich-hart, aber mit sichtlichem Spass an den Textpassagen – für Tänzer nicht gerade Wohlfühlprogramm. «Wir sind gewohnt, im Körper super-relaxed zu sein», sagt Barreras, «aber das Gesicht ist bei Tänzern meist eher unbeweglich.» Er sieht die Stimme als Energie, als Teil des bewegten Körpers. Und nutzt sie, um das Thema assoziativ zu umkreisen.

Im Temporausch

Später stecken die vier in ihren Overalls, von Kostümbildnerin Flavia Somalvico mit Nationalflaggen, Namen und Slogans individualisiert. Sie hören das Heulen der Motoren, die johlenden Zuschauer auf den Rängen – und sie geben selbst kräftig Gas. Als wüssten sie um die Einsamkeit des Rennfahrers im Temporausch. «Dabei ist Tobias der einzige von uns, der überhaupt einen Fahrausweis hat.»

So/Di/So, 12./14./19.4., 20 Uhr, Grabenhalle; Sa, 2.5., 21 Uhr, Nachtzug Tanz, Lokremise

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