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Madonna im Interview: «Es ist die reinste Schinderei»

Madonna inszeniert sich auf ihrem neuen Album «Madame X» als feministische und futuristische Kämpferin, die auch mit 60 Jahren im Alleingang und zornig wie nie gegen den Rest der Welt kämpft.
Interview: Katja Schwemmers
«Nimm nichts von alledem persönlich!», rät Madonna ihrem jüngeren Ich. (Bild: pd)

«Nimm nichts von alledem persönlich!», rät Madonna ihrem jüngeren Ich. (Bild: pd)

Madonna betritt keinen Raum, sie schreitet in ihn hinein. Ihr Gesicht dekoriert ein erhabenes Lächeln, über ihrem linken Auge trägt sie eine Augenklappe. Das extravagante Accessoire ist Teil des Konzepts ihres am Freitag erscheinenden, 14. Studioalbums «Madame X», für das die Sängerin und Songwriterin, die mit über 300 Millionen verkauften Tonträgern die erfolgreichste Musikerin aller Zeiten ist, in verschiedene Rollen schlüpft. Der viel diskutierte ESC-Auftritt soll ihr zum Zeitpunkt des Interviews in London erst noch bevorstehen, als sie von ihrem neuen Leben in Portugal, ihren Kindern und ihren Plänen erzählt.

Was hat es mit dem Albumtitel «Madame X» auf sich?

Madonna: Das ist der Name, den mir die Choreografin Martha Graham gab! Ich war damals 19 und absolvierte in ihrer Schule in New York eine Tanzausbildung. Sie meinte zu mir: «Jeden Tag kommst du hierher, und ich erkenne dich nicht wieder.» Für sie schien es so, als würde ich täglich meine Identität ändern.

Und deshalb haben Sie Madame X zur Titelheldin Ihres Albums gemacht?

Madame X ist eine Geheimagentin, eine Spionin im Haus der Liebe, die die Welt bereist, verschiedene Identitäten annimmt, Menschen inspiriert und für Freiheit kämpft. In gewisser Weise war ich also mein ganzes Leben Madame X! Ich bringe Licht an dunkle Plätze, inspiriere Menschen mit meiner Musik und meiner Kreativität. Ich bin Provokateurin und hoffentlich nie das, was Leute von mir erwarten.

2017 haben Sie mit Ihrem Umzug nach Lissabon überrascht.

Wenn mich vor zehn Jahren jemand gefragt hätte, ob ich mir vorstellen könnte, in Lissabon zu leben, wo mein Sohn David dann Fussball spielt, ich zur Soccer-Mom werde, mir am Wochenende auf dem Bolzplatz die Füsse in den Bauch stehe, anfange, auf Portugiesisch zu singen, hätte ich diese Person sehr ungläubig angeguckt! Aber ich hatte vor zwei Jahren das Gefühl, dass es ein ganz guter Zeitpunkt wäre, um Amerika den Rücken zuzukehren und einmal mehr aus meiner Komfortzone heraus zu kommen.

Sie sollen sich in Lissabon nach einer Phase der Eingewöhnung viel unter Einheimische gemischt haben …

Ich musste ja neue Freunde finden! Ich wurde eingeladen in die Wohnungen von Leuten, meistens waren es Künstler, die in Jahrhunderte alten Häusern lebten. Dort veranstalten sie wöchentliche Living-Room-Sessions: Jeder bringt Wein oder Essen mit, überall stehen Kerzen, man sitzt um einen Tisch herum, und irgendwann greifen die Musiker zu ihren Instrumenten und fangen an zu spielen. Sie bekommen kein Geld dafür. Sie machen es nur aus Spass, aus Liebe und Leidenschaft. Das empfand ich als unglaublich inspirierend.

Und nun singen Sie tatsächlich auch auf Portugiesisch!

Das war unerlässlich. Musikstile wie Fado und Morna (ein Musik- und Tanzgenre des afrikanischen Staates Kap Verde, Anm. d. Red.) haben mich stark für diese Platte beeinflusst. Ich habe ausserdem eng mit portugiesischen Künstlern wie Dino d’Santiago zusammengearbeitet. Ich fand es daher wichtig, in der Landessprache zu singen. Auch wenn ich selbst gerade mal zehn Worte auf Portugiesisch kann.

Fühlte sich Ihr Neuanfang so ein bisschen an wie 1979, als Sie mit ein paar Dollar in der Tasche Michigan in Richtung New York verliessen?

Das war anders! Ich befand damals, dass es weniger interessant sei, eine abgebrannte Tänzerin zu sein als eine abgebrannte Songwriterin. (lacht) Als ich in der Lower East Side von New York lebte, hörte ich kaum Musik – ich hatte gar nicht den Zugang dazu. Ich ging nicht viel aus, ich schaute mir keine Konzerte an. Natürlich kannte ich Debbie Harry und Chrissie Hynde und die Talking Heads und David Bowie. Aber da war kein Druck für mich, irgendetwas darzustellen, wie jemand Bestimmtes zu klingen oder auf bestimmte Art auszusehen.

Hat sich Ihr Blick auf die Welt verändert?

Ich würde sagen, das Einzige, was sich verändert hat, ist, dass ich älter und weiser bin – obwohl mir mein Alter ja immer gern zum Vorwurf gemacht wird. Ich habe mehr vom Leben gesehen, ich habe mehr erlebt. Ich habe mehr zu sagen, ich bin stärker in meinen Meinungen und hoffentlich besser informiert. Aber ich habe immer noch die gleiche Menge Passion für das, was ich tue.

Fällt das schwer, in einem Geschäft, das sich immer wieder verändert?

Es gibt jede Menge Leute, die ein Mitteilungsbedürfnis mir gegenüber haben. Die grösste Herausforderung war für mich immer, mir selbst treu zu bleiben und zu versuchen, mir dieselbe Naivität zu erhalten, die ich besass, als ich anfing.

Madonna, hier auf der Bühne des diesjährigen Eurovision Song Contests in Tel Aviv. (Bild: Getty Images)

Madonna, hier auf der Bühne des diesjährigen Eurovision Song Contests in Tel Aviv. (Bild: Getty Images)

Fällt es mit der Erfahrung von 13 Alben trotzdem leichter, eine Platte zu machen?

Eine Platte zu machen, ist niemals leicht für mich! Eine Denkerin wie ich wird sich immer dabei quälen. Manche Songs gehen einem leichter von der Hand als andere. Aber der Prozess, Kunst zu machen, ist immer ein Kampf. Es ist ein Ringen mit sich selbst, um die richtigen Worte zu finden, die richtigen Sounds zu finden. Wie viel Gitarre? Wie viel Bass? Will ich, dass die Leute tanzen können? Oder soll es ein sehr emotionaler Song sein? Da sind so viele Fragen, die man sich stellen kann. Das Elementare ist für mich immer die Geschichte, die ich erzählen will und die Botschaft, die die Leute durch sie empfangen sollen. Aber es ist die reinste Schinderei.

Stellt sich am Ende wenigstens so etwas wie Zufriedenheit ein?

Zufriedenheit? Nein. Ich war nie mit irgendeinem meiner Alben vollständig zufrieden! Jedes Mal, wenn ich eine Platte von mir höre, denke ich: Ich würde daran gerne noch eine Kleinigkeit ändern. Aber das ist Normalität für mich. Nie zufrieden zu sein.

Gibt es eine starke Frau, die Sie für «Madame X» inspiriert hat?

Viele! Aber besonders Johanna von Orléans. Meine Vision war, die Geschichte des Albums durch ihre Augen zu erzählen. Sie hatte keine Angst, für ihre Überzeugung zu sterben. Sie war eine Freiheitskämpfern und Feministin. Damit kann ich mich verbinden, denn so sehe ich mich auch.

Im Song «Killers Who Are Partying» solidarisieren Sie sich mit Schwulen, Armen, vergewaltigten Frauen, missbrauchten Kindern. Und schliesslich heisst es darin noch: «I’ll be Islam, if Islam is hated. I’ll be Israel, if they are incarcerated.» Nutzen Sie nun Politik, um kontrovers zu sein?

Meine Intention ist und war immer, Ausgrenzungen zu vermeiden, Räume, die Menschen voneinander trennen, zu überwinden, Mauern zum Einstürzen zu bringen. Wenn ich eine Diskussion entfachen kann über Bevölkerungsgruppen am Rande der Gesellschaft oder gewisse Labels, dann habe ich mit dem Song alles erreicht. Aber stellen wir uns mal vor, wie sich das Bewusstsein im Universum verändern würde, wenn Israel und Palästina vereint wären und da keine Trennung bestünde. Das ist mein Traum! Die Idee des Songs ist also, eine geteilte Welt nicht zu akzeptieren.

Ist das nicht naiv?

Ich weiss natürlich, dass viele Menschen es anders sehen, so nach der Devise: Das ist mein Gebiet, das ist meine Gruppe; meine Gruppe ist besser als deine. Meine Gruppe verdient es, zu existieren – aber du nicht. Oder ich verdiene mehr als das, was du hast. Das sind Glaubenssätze, denen ich noch nie etwas abgewinnen konnte.

In den Credits zum Song «Batuka» taucht der Name Banda auf. Heisst das, Ihr Sohn David Banda hat das Lied mitgeschrieben?

Er singt darauf! Alle meine Kinder singen auf dem Stück, aber nur David hat darauf bestanden, dass sein Name in den Song-Credits erwähnt wird. Wie hätte ich mich dagegen wehren sollen?

Auf Ihrem Instagram-Account posten Sie auch öfter Videos, in denen man Ihre Kinder sehen kann. Es macht generell den Eindruck, dass Sie sich in den letzten Jahren geöffnet haben.

Es gab vorher einfach kein Instagram! Ich teile gerne Dinge mit Menschen, von denen ich denke, dass sie lustig, amüsant, bedeutungsvoll oder inspirierend sind. Manchmal sind es auch schlichtweg alberne Sachen, manchmal etwas intimere.

Haben Sie schon Pläne, was Sie als Nächstes machen wollen?

Sie meinen, nachdem ich mit diesem Album auf Theater-Tournee war? Ich würde gerne mehr Filme machen! Ja, Filmemachen reizt mich sehr.

Welchen Rat würden Sie Ihrem jungen Ich geben, mit dem Wissen, das Sie heute über Ihr Leben haben?

Nimm nichts von alledem persönlich! Das ist wirklich der beste Rat.

Madonna: «Madame X», Universal Music, Veröffentlichung am 14. Juni.

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