Das Satire-Magazin «MAD» zieht einen Schlussstrich

Das «vernünftigste Magazin der Welt» ist zur Vernunft gekommen. Bei nur noch 12'000 verkauften Exemplaren wird «MAD» eingestellt. Damit bleibt für Leser die Frage aller Fragen unbeantwortet.

Roland Schäfli
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«Hab ich was übersehen?!», fragt in der Facebook-Gruppe von «MAD» gerade ein treuer Fan. Sein Abodienst teilte ihm mit: «Gerade erfahren wir, dass der Verlag die Zeitschrift eingestellt hat. Sie wird also in Zukunft nicht mehr erscheinen. Das tut uns leid!» Der Text liest sich wie eine schwarzhumorige «MAD»-Parodie.

Wem tut es ums Satire-Magazin wirklich noch leid, das einst dem Bildungsbürgertum ewige Feindschaft geschworen hatte?

Anfang der 80er-Jahre hatte die deutsche Ausgabe eine Auf­lage von 330'000 Exemplaren. In den Glanzzeiten verlieh die Redaktion sogar einen Schmähpreis, den «Goldenen Alfred». Dann geriet das «wahrscheinlich meistbeschlagnahmte Heft von Lehrern» ­(Zitat des Chefredakteurs Herbert Feuerstein) in eine lange Abwärtsspirale. Während «Titanic» sich durch grenzwertigen Geschmack der politischen Satire neu positionieren konnte, wurde «MAD» selbst für die jüngere Zielgruppe schlicht zu brav.

Infantil grinsender Poster-Boy mit Segelohren

2002 hatte der Panini-Verlag den Titel halbherzig übernommen, nachdem er schon einmal eingestellt worden war. Die neuen Blattmacher fanden ihr Publikum nicht. Mussten einmal sogar wegen eines Lizenzfehlers – das war Real-Satire – eine komplette Auflage einstampfen. Jetzt hat es sich ausgekalauert. Ausgabe Nr. 185 vom 4. Dezember war die letzte.

Bis dahin zierte Alfred E. Neumann jedes Cover. Ein infantil grinsender Poster-Boy mit Zahnlücke und Segelohren. Die Kunstfigur beantwortete in der Rubrik «Fragen Sie Alfred» sogar Leserbriefe. Offen bleibt nun die als Running Gag immer wiederkehrende Leserfrage: «Wofür steht eigentlich das «E» in Alfred E. Neumann?» Der Erfinder von «MAD» hat das Geheimnis längst mit ins Grab genommen.

«Würg!» und «Lechz» erobern die Sprache

Lizenzausgaben des 1952 in den USA gegründeten Magazins erschienen schon bald in England, Schweden, den Niederlanden. Im deutschsprachigen Raum landete das «vernünftigste Magazin der Welt», so der Untertitel, erst 1967 in den Zeitschriftenständern, wo überforderte Kioskbetreiber das subversive Blatt bei den Kindercomics einreihten.

Hatten die amerikanischen Wegbereiter bereits ihre eigene Subkultur und ziemlich skurrile Wortschöpfungen wie «Zappadoing» (wonach ein Winterthurer Comicladen benannt ist) geschaffen, prägte nun die deutsche Aus­gabe ebenso das Humorverständnis der Pubertierenden. Sogenannte Inflektive wie «Lechz» und «Würg» gingen in die Jugendsprache ein, und Begriffe wie «fummeln» wurden fortan inflationär verwendet.

Als wahrer Geniestreich erwies sich das «Faltblatt»: An zwei Stellen zusammengefaltet, erhielt das ursprüngliche Bild eine neue Bedeutung. Die gnadenlosen Parodien zerpflückten Filme und TV-Serien.

Obwohl sich die Redaktion selbstironisch «die üblichen Idioten» nannte, entlarvte «MAD» die Erwachsenen als die wahren Deppen.

Monatlich lieferten die Macher auf 36 dichtbeschriebenen Seiten eine üppige Dosis Skepsis gegen Grosskonzerne und Regierungen.

Seinem Alleinstellungsmerkmal blieb «MAD» jahrelang treu: Das Heft war völlig werbefrei. Dadurch genoss es das uneingeschränkte Vertrauen seiner (vor allem männlichen) Konsumenten. Die Parodien auf Zigarettenreklame waren einprägsamer als jede Nichtraucherkampagne. Bis man diesem Grundsatz untreu wurde, finanzierte «MAD» sich allein durch den Verkaufspreis: «Nur noch DM 2.50» (in der Schweiz Fr. 2.80). Auch ein weiteres Credo opferte das spätere «MAD» dem modernen Publikumsgeschmack: Ab 1998 war das davor schwarz-weisse Blatt bunt.

Teil der Populärkultur

Wenn im Science-Fiction-Film «Fahrenheit 451» bekannte Bücher verbrannt werden, ist darunter ein «MAD»-Taschenbuch. Michael J. Fox, in der «Tonight Show» gefragt, wann er den Durchbruch geschafft habe, sagte ohne zu zögern: «Als Mort Drucker mich zeichnete.» Der «MAD»-Karikaturist gilt als einer der besten des 20. Jahrhunderts.

Künstler wie Jack Davis steigerten ihren Bekanntheitsgrad noch, wenn sie bekannte Filmplakate gestalteten. Dabei hatten die ­wenigsten der Cartoonisten eine Kunstschule besucht. «Wir lernten zeichnen, indem wir zeich­neten», sagte Drucker einmal. Keiner der «Idioten» erreichte freilich den Kultstatus von Gag-Spezialist Don Martin. Diesen Meistern konnten die deutschen Kollegen nicht das Wasser reichen.

Doch auch die US-Ausgabe kämpft mit sinkenden Absatzzahlen, die Erscheinungsweise wurde auf vierteljährlich umgestellt. Offenbar ist die Welt selbst für eine «MAD»-Persiflage zu verrückt geworden. Was in den 60er-Jahren als umstürzlerische Staatskritik wahrgenommen wurde, kratzt heute kaum jemanden mehr. Die verbleibenden Fans sind offenbar in dieselbe Apathie verfallen. Auf dem Forum Madmag.de wird das Aus protestlos einfach hingenommen. Alles endet mit der Frage, die «MAD» selbst stets gestellt hat: Na und?