Machtspiele, fein und brutal

Im Opernhaus Zürich steht eine Neuinszenierung von Verdis «La Traviata» auf dem Spielplan. Sie ist sehr genau, die Folgevorstellungen dürften gegenüber der Premiere aber musikalisch noch gewinnen.

Tobias Gerosa
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Sonya Yoncheva ist als Violetta noch nicht intensiv genug. (Bild: T+T Fotografie/Tanja Dorendorf)

Sonya Yoncheva ist als Violetta noch nicht intensiv genug. (Bild: T+T Fotografie/Tanja Dorendorf)

Die neue Zürcher «Traviata» braucht etwas Zeit. Bis zur Pause nach dem zweiten Bild wirkt sie in ihrem von Christof Hetzer gestalteten, leicht unterkühlten schwarzen Raum voller Podeste und Rampen arg konventionell. Da kann der Chor schon in der Ouverture eingefroren stehen, während Violetta unsicher umherirrt; da kann das Fest noch so genau auf den Text – also als misslungen – inszeniert sein.

Ersatz für die erkrankte Kollegin

Doch zuerst folgt das intime zweite Bild. Vor allem in den Szenen Alfredos mit seinem Vater Giorgio, wo dieser ihn von der Beziehung zur Edelprostituierten Violetta abbringen will, zeigt sich die Genauigkeit der Lesart des Regisseurs David Hermann. Mit Gesten und Blicken wie kleinen Betonungen entfaltet sich ein feines Spiel um Macht und Gefühl, das Pavol Breslik und Quinn Kelsey packend umsetzen.

In den Szenen mit Violetta entsteht diese Intensität nie, auch wenn Sonya Yoncheva vokal hier hörbar gelöster agiert als in den hohen und höchsten Koloraturen des ersten Aktes. Sie sprang wenige Tage vor der Premiere für eine erkrankte Kollegin ein. Dass ihr szenische Probezeit fehlte, wird bei aller vokalen Präsenz hörbar, wo die Inszenierung auf die musikalisch so starke Vorgabe und die Intimität der Situationen vertraut. Der Unterschied zwischen sechs Wochen geprobt und Rollenroutine ist nicht zu übersehen.

Mehr solide denn brillant

Nach der Pause fällt dies weniger ins Gewicht, weil die Inszenierung die Schraube anzieht. Und zeigt, wie die Gesellschaft mit Violetta und Alfredo umgeht, als sie versuchen zurückzukommen. In den meist nur pittoresken Zigeunerchören werden die beiden vorgeführt, das Spiel ist ein blutiges Unterwerfungsritual, auf dessen Verlierer buchstäblich runtergeschaut und gespuckt wird.

Im Schlussbild deuten Hermann und Hetzer Violettas Tuberkulose-Tod als Verklärung. Dass Alfredo und sein Vater nochmals zu ihr kommen, ist nur ihre Wahnvorstellung. Nochmals zeigt sich hier die genaue, heutige Lesart – die Verdi ja auch im Sinn hatte.

Dass der Abend trotzdem mehr als solide denn brillant in Erinnerung bleiben wird, liegt an den – abgesehen von Kelseys überlegenem Vater Germont – doch etwas durchzogenen vokalen Leistungen und am grundsoliden und sängerfreundlichen Dirigat Marco Armiliatos, der viele Piano-Möglichkeiten auslässt. Es lohnte sich wohl, den ersten Teil der Inszenierung mit dem Wissen, was im zweiten folgt, nochmals zu sehen.