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St.Galler Sopranistin prangert Missbrauch an: Wer sich wehrt, kann Nachteile erleben

Warum fürchten Opfer von Machtmissbrauch, Vorfälle anzuprangern? An wen können sich betroffene Künstler wenden? Sind Theater und Orchester besonders anfällig für MeToo-Fälle? Eine aktuelle Debatte und der schwierige Umgang damit.
Julia Nehmiz
«Machtmissbrauch ist ein Dauerthema», heisst es vom Schweizerischen Bühnenverband. (Bild: Joel Goodman/Imago)

«Machtmissbrauch ist ein Dauerthema», heisst es vom Schweizerischen Bühnenverband. (Bild: Joel Goodman/Imago)

Die St.Galler Sängerin Mona Somm ist eine der wenigen, die sich melden. Die Sopranistin hat einen offenen Brief unterzeichnet, in welchem fünf Künstlerinnen Machtmissbrauch, Mobbing und sexuelle Übergriffe von Seiten des Künstlerischen Leiters der Tiroler Festspiele Erl anprangern. Somm wird vor der Staatsanwaltschaft Innsbruck aussagen.

In der Schweiz sind bislang kaum MeToo-Fälle öffentlich geworden. Während weltweit berühmte Dirigenten, Produzenten oder Regisseure wegen sexueller Übergriffe entlassen werden, ist es in der Schweizer Künstlerszene ruhig. «Uns wurde bisher kein Fall gemeldet», sagt Salva Leutenegger.

Die Geschäftsführerin des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbands SBKV meint damit aber nicht, dass es keine Fälle gäbe. Unter den 1200 Mitgliedern und im Vorstand der Gewerkschaft sei #MeToo absolut ein Thema. «Man hört manchmal etwas, aber oft hört man nichts», sagt Leutenegger.

Am Theater herrschen besondere Machtstrukturen

Sie erklärt die Zurückhaltung möglicher Opfer mit der Angst, abgestempelt zu werden, keine Jobs mehr zu bekommen. Berühmtheiten mit grossem Renommee könnten es sich eventuell leisten, Missstände anzuprangern. «In der Schweiz gibt es viele ‹ganz normale› Künstler, die angewiesen sind auf einen Job.»

Unabhängig von #MeToo sei es leider so: Wenn sich jemand wehrt, beispielsweise gegen Dumpinglöhne in der freien Szene, kann es sich nachteilig auswirken für den Betroffenen. «Oft müssen wir anonym vorgehen», sagt Salva Leutenegger.

«Wir müssen die Leute schützen, das ist unsere Aufgabe.»

Am Theater herrschen besondere Machtstrukturen, sagt Leutenegger. Schauspieler, Sängerinnen, Tänzer seien «Weisungsempfänger». Der Regisseur, Dirigent oder Choreograf schreibt genau vor, was und wie sie etwas auszuführen haben.

«Wo solche Machtstrukturen herrschen, könnte es zu Missbrauch kommen.»

Um die Schwächeren zu schützen, brauche es gewisse Instrumente. Ob einen Verhaltenskodex, wie ihn der Deutsche Bühnenverein im Juni verabschiedet hat, oder eine externe Anlaufstelle für Betroffene, wie sie in Berlin entstehen soll, sei noch offen. Leutenegger würde dies gerne mit dem Schweizerischen Bühnenverband SBV, der Dachvereinigung der bedeutendsten subventionierten Berufstheater in der Schweiz, erarbeiten oder zumindest diskutieren.

Machtmissbrauch ist Dauerthema

Dort sieht man aktuell keinen Handlungsbedarf. «Machtmissbrauch ist ein Dauerthema, es ist wichtig, dass man es auf dem Radar hat», sagt SBV-Geschäftsführer Roman Steiner. Der SBV hatte dieses Thema bereits vor einigen Jahren diskutiert. Damals wurden verschiedene Modelle erarbeitet für externe oder interne Anlaufstellen. Man sei zum Entschluss gekommen, jedem Theater selber zu überlassen, wie man das umsetzen wolle. Damit sei man bislang gut gefahren. Ihm ist kein MeToo-Fall an einem Schweizer Theater bekannt.

Das bestätigt Werner Signer. Er ist seit 1994 geschäftsführender Direktor des Theaters St.Gallen und hat nie von einem Missbrauchsfall an seinem Haus erfahren. Der Fall Erl sei in der Szene bekannt, doch in der Schweiz wisse er kein Theater, an dem es zu Missbrauch gekommen sei.

In Erl sei die Struktur nur auf den Chef ausgerichtet, was Missbrauch begünstigen könne. An Schweizer Theatern sei hingegen die Hierarchie nicht nur auf eine Person ausgerichtet, sagt Signer. Zudem sitzen Vertreter des Personals im Verwaltungsrat. Und: «In St.Gallen haben wir drei Gewerkschaften im Haus.» Sollte es zu einem Missbrauchsfall kommen, sei klar:

«Wir tolerieren nichts.»

Das Tonhalle-Orchester Zürich sieht aktuell keine Veranlassung, aktiv zu werden. «Uns ist kein Missbrauchsfall bekannt», sagt Pressesprecher Christian Schwarz. Als die Vorwürfe um den Dirigenten Charles Dutoit bekannt wurden, habe man intern abklären lassen, ob es zu seiner Zeit als Gastdirigent in Zürich Vorfälle gegeben habe: Hat es nicht.

Wie es für die St.Galler Sängerin Mona Somm weitergeht? Das werden die Abklärungen der Kommission und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Innsbruck zeigen. Nach ihrer Zukunft gefragt, sagte Somm, es gebe sicher Theater, welche selbstbewusste Sängerinnen wollen. «Das ist die richtige Antwort», sagte Salva Leutenegger. Theater brauche mutige Frauen.

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