Macht Passionsmusik heute noch Sinn?

Geistliche Musik hat in diesen Tagen Hochkonjunktur. Bedeutet Musik zu Karfreitag und Ostern nur noch leere Erinnerungskultur? St. Galler Kirchenmusiker verneinen dies und unterstreichen die spirituelle Kraft österlicher Chorwerke.

Martin Preisser
Drucken
Teilen
Wegkreuz in Waldkirch Kreuz, Kruzifix, Pilgerweg, Devonotionalie, Heiligenfigur, Andachtsbild (Bild: (Urs Bucher))

Wegkreuz in Waldkirch Kreuz, Kruzifix, Pilgerweg, Devonotionalie, Heiligenfigur, Andachtsbild (Bild: (Urs Bucher))

Das Bedürfnis nach Passionsmusik ist gross. Viele Menschen suchen gerade in der Osterzeit spirituelle Anregungen, die sie im normalen Gottesdienst nicht mehr finden. «Vielleicht ist dieses Bedürfnis oft auch ein ganz unbewusstes», sagt Mario Schwarz, Leiter des Collegiums Musicum St. Gallen. Er dirigiert heute Mozarts «Requiem». «Der moderne Mensch sucht heute nach anderen Formen spiritueller Erfahrung, ein Kirchenkonzert kann eine solche sein.»

Für Domkapellmeister Hans Eberhard haben Passionsvertonungen «die wohl direkteste Wirkung aller geistlichen Texte», da die Passion im Leiden die menschlichste, nachvollziehbarste Seite Christi zeige. Eberhard empfindet es als Auftrag an die Kirchenmusiker, «gerade auch in konzertanten Formen Menschen in <jeder Distanz zur Kirche> anzusprechen». «Viele Menschen suchen spirituelle Anknüpfungspunkte, welche sie in der traditionellen Kirche nicht mehr finden», weiss der Domkapellmeister.

Für die meisten Kirchenmusiker ist die Karwoche die eindrücklichste Woche im kirchenmusikalischen Kalender. Und nicht nur Dirigent und Organist Rudolf Lutz bekräftigt, dass er als ausübender Kirchenmusiker die Musik nicht vom Inhalt trennen könne. Wie er können und wollen auch seine Kollegen die Botschaft beim Musizieren selbst nicht ausblenden. Sie dirigieren mit religiösen Gefühlen und nicht einfach «absolute» Musik an sich. Rudolf Lutz, der mit geistlicher Musik das «Angebot einer Botschaft» machen, aber nicht mit ihr missionieren will, spürt auch bei den Aufführungen der Bachkantaten in Trogen: «Das Publikum ist zum grossen Teil berührt und kommt sicher auch wegen eines spirituellen Erlebnisses ins Konzert.»

Lebendiges, offenes Klima

Interessant ist die Aussensicht eines deutschen Dirigenten, der in St. Gallen seit einigen Jahren den Oratorienchor leitet. Uwe Münch, der letzte Woche hier Händels «Messias» aufgeführt hat, erlebt die Stadt als sehr spezielles Zentrum geistlicher Musik: «Ich spüre hier ein lebendiges, offenes Klima für Musik mit religiösem Inhalt, auch in der ganz konkreten Probenarbeit mit dem Chor.» «Kirchenmusik schenkt unverfälschte Erlebnisse, Musik tut der Kirche gut. Musik ist eine Heimat ohne Schrecken, sie schenkt das, was man sucht», bringt es Münch auf eine schöne Formel.

Tröstliche Erfahrungen

Er ist überzeugt, dass geistliche Musik gerade auch bei einem jüngeren Publikum wieder einen ganzen neuen Zugang zu spirituellen Fragen und religiösen Gefühlen schaffen und den Menschen das ein Stück weit zurückbringen könne, was sie in der traditionellen Liturgie mehr und mehr vermissten.

Auch Marcel Schmid, Komponist einer neuen Johannespassion, (s. oben) kennt die Kraft der geistlichen Musik, die helfen könne, «tröstliche Erfahrungen zu machen», und gerade auch in der Karwoche einen deutlichen Beitrag zur Erneuerung religiöser Gefühle leisten könne.

Aktuelle Nachrichten