«Machen Sie das leiser»

Wie Otto Tausk mit seinem Orchester den richtigen Klang für Wagners Oper findet.

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Entdeckt Farben bei Wagner: Otto Tausk. (Bild: Michel Canonica)

Entdeckt Farben bei Wagner: Otto Tausk. (Bild: Michel Canonica)

Nach grosser Oper sieht es noch nicht aus an dieser ersten Bühnenorchesterprobe von Richard Wagners «Lohengrin» am Theater St. Gallen. Die Bühne ist noch nicht mehr als eine nach vorn geneigte Ebene mit einem Bett. Chöre und Sänger treten in bequemer Alltagskleidung auf (ausser Elena Pankratova, die die Ortrud singt). Kein Lichtdesigner verzaubert die Szenerie.

«Ein silbriges Geglitzer und Geflirre»

Dafür verzaubert das Orchester. Die ersten Töne erklingen in den Geigen, nach und nach setzen die übrigen Streicher ein, Oboen und Flöten kommen hinzu, und so entsteht «ein silbriges Geglitzer und Geflirre, als würde man auf sonnenbeschienene Wellen schauen und geblendet werden», wie der Dirigent Christian Thielemann es in seinem schönen Buch «Mein Leben mit Wagner» beschreibt. «Wagner wollte keine Stufen erklimmen, sondern Farben mischen.»

«Man hört nicht genau, wer wann dazukommt», hat Otto Tausk beobachtet, der an diesem Abend das Sinfonieorchester St. Gallen dirigiert. Farben finden, Farben mischen: Das ist es auch, was er ein erstes Mal versucht. «Mit den Sängern sind wir schon länger dran, auch mit dem Orchester», sagt er. «Jetzt geht es darum, sie mit dem Chor zusammenzuführen. Und: Die grossen Linien zu finden, den Bogen zu schlagen nach all den Details, die wir geübt haben.»

Dass gerade «Lohengrin» seine erste ganze Wagner-Oper ist, hält Otto Tausk für eine gute Fügung. «Es ist einerseits schon eine richtige Wagner-Oper, aber andererseits noch kein Riesending wie <Tristan und Isolde> oder <Parsifal>. Oder wie der <Ring des Nibelungen>. Mir erfüllt sich da ein Traum.»

Wagner habe den «Lohengrin» im Bewusstsein komponiert: «Einmal und nie wieder!», meint Christian Thielemann. «Danach macht er <Tabula rasa> und fängt beim <Rheingold> noch einmal ganz von vorne an.» Beim «Lohengrin» dagegen sagt er: «Ich schreibe jetzt die schönste und melodiöseste Oper, die ihr euch vorstellen könnt.»

«Boussard macht daraus eine Art Kammerspiel.»

Noch etwas kommt hinzu: Der «Lohengrin» ist mehr Choroper als alle andern Wagner-Opern. «Doch der Chor darf nicht laut auftreten oder gar wuchtig wirken», sagt Otto Tausk. «Das ist umso wichtiger, als unser Regisseur Vincent Boussard daraus ja eine Art Kammerspiel formt.»

Dieses Kammerspiel, das Wagners Hang zum grossen kriegerischen Aufmarsch eher unterläuft als feiert, muss auch in der musikalischen Gestaltung seinen Ausdruck finden. «Ich entdecke viele schöne Harmonien und Farben», sagt Otto Tausk. «Und wenn der Chor diese langen Linien leise und langsam singt, dann kann man das Gefühl bekommen, in die Höhe gehoben zu werden.»

Am Ziel ist er freilich noch nicht. Immer wieder unterbricht Tausk in diesem ersten Akt, um den Chor zu korrigieren. «Machen Sie das leiser», sagt er, «aber doch so, dass man Ihre Worte versteht.» Dann, im zweiten Akt, wenn Ortrud gegen Elsa steht, lässt er das Drama seinen Lauf nehmen. (R.A.)

In der Schneiderei des Theaters St. Gallen wird rege gearbeitet: Hier nehmen die Entwürfe von Christian Lacroix Gestalt an. (Bilder: Benjamin Manser)

In der Schneiderei des Theaters St. Gallen wird rege gearbeitet: Hier nehmen die Entwürfe von Christian Lacroix Gestalt an. (Bilder: Benjamin Manser)

In der Damenschneiderei des Theaters St. Gallen werden die Kostüme für die Aufführung von Wagners Lohengrin hergestellt, am Donnerstag, 13. Oktober 2016. © Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

In der Damenschneiderei des Theaters St. Gallen werden die Kostüme für die Aufführung von Wagners Lohengrin hergestellt, am Donnerstag, 13. Oktober 2016. © Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

In der Damenschneiderei des Theaters St. Gallen werden die Kostüme für die Aufführung von Wagners Lohengrin hergestellt, am Donnerstag, 13. Oktober 2016. © Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

In der Damenschneiderei des Theaters St. Gallen werden die Kostüme für die Aufführung von Wagners Lohengrin hergestellt, am Donnerstag, 13. Oktober 2016. © Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))