Lyrik als lakonische Reiseführerin

Zeitgenössische Lyrik braucht nicht schwerblütig, unverständlich oder sentimental zu sein: In ihrem neuen Lyrikband «Tethys» lädt die St. Gallerin Monika Schnyder zur verblüffend-poetischen Erkundungsreise in europäische Ecken ein.

Hansruedi Kugler
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Weit gereist für ihren neuen Lyrikband: Monika Schnyder vor der Weltkarte in ihrer Wohnung, am Lesepult für die Vernissage stehend. (Bild: Hanspeter Schiess)

Weit gereist für ihren neuen Lyrikband: Monika Schnyder vor der Weltkarte in ihrer Wohnung, am Lesepult für die Vernissage stehend. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN. Schon der Buchumschlag zielt mitten ins Thema und gleichzeitig in die Irre. Abgerissene Fischschwänze liegen auf braungelbem Untergrund. Feiner Sandstrand? In Anspielung auf das europäische Ufer des gigantischen Urmeers «Tethys», von dem das heutige Mittelmeer ein kümmerlicher Rest ist? Die Vermutung liegt nah. Schliesslich lotet Monika Schnyder in ihrer Lyrik unsere Gegenwart immer auch historisch und sogar erdgeschichtlich aus. Sie freut sich über die Interpretation und lacht trotzdem über die Vermutung. Der Umschlag zeige die Überreste eines Restaurantbesuchs in Genua: Fischschwänze und Ölspuren auf Maispapier – profan und gleichzeitig schillernd-beziehungsreich. Damit ist schon deutlich gemacht, wie vieldeutig anspielungsreich sie ihre Lyrik anlegt – und vor allem: Wie sie mit ihren Andeutungen und Sprachbildern die Lust des Lesers am eigenen Recherchieren und Entdecken weckt – es ist eine detektivische Lust.

Bartheke wird zur Reling

Ihr neuer Lyrikband ist in fünf Abteilungen gegliedert. Geographisch führt er von St. Gallen nach Lüneburg und Halle, südwärts nach Genua, nach Neuenburg und zum Schluss ins polnische Krakau. Thematisch spannt Schnyder ihre Erkundungen vom akustisch-visuell faszinierenden Autoverkehr über die verblüffende Geschichte der Salzgewinnung und die lebensfrohe Altstadt Genuas mit ihrem ästhetischen Erbe und einer dramatischen Überschwemmung bis zum Steinzeitmenschen, den Urtieren des «Tethys»-Urmeers und bis nach Auschwitz.

Sprachlich und formal erweist sich die Lyrikerin auf der Höhe der Zeit: Zusammen mit Clemens Umbricht und Lisa Elsässer erhielt Monika Schnyder schliesslich 2012 den Zürcher Lyrik-Preis. «Tethys» ist ihr fünfter Lyrikband. In ihren Versen ohne Reim, mit lakonisch verknappten Sprachbildern ohne jede Sentimentalität, erweist sie sich als unaufdringliche Reiseführerin. In Genua schaut sie aus einer Bar in die herbstlichen Gassen: «wenn es krabben regnet / und krebse, wünsch dir was / signale und windstösse / hochsteckfrisur / als wärs eine reling.» Die Bartheke wird zur Reling, das feucht-verknüllte Laub wird zu Krabben und Krebsen – zauberhafte Poetik, die einem über das Banale in assoziative Tiefen und Weiten entführt.

Akribische Benennungen

Das Ausloten eigener Befindlichkeit in Gefühlsprosa ist nicht ihre Sache. Vielmehr ist Schnyder eine aufmerksame Beobachterin und eine bis in die Fachterminologie präzise Beschreiberin. Wer nicht selbst recherchieren will, findet im Buch ein Glossar. Nur beschaulich geht es hier nicht zu: Die Neugier führt sie hin zu grotesken Todesarten unter dem Werkhimmel im Salzbergwerk oder mit durchbohrter Kehle auf dem Krakauer Kirchturm. Verbunden sind die fünf eigenständigen Langgedichte lediglich assoziativ – durch das Reisen, das Salz und das Urmeer Tethys sowie die Methode des genauen historischen Auslotens. Genua, dem das Mittelstück des Bands gewidmet ist, markiert die Abkehr von Ägypten, das einige Jahre lang Schnyders zweite Heimat war. Zwar hängen noch Fotos und ein Gemüse- und Früchte-Poster mit arabischen Namen an ihrer Wohnzimmer-Wand. Und Arabisch lehrt die frühere Journalistin weiterhin. Aber ihre Faszination für Ägypten habe sich etwas ausgelebt, sagt sie.

Neue zweite Heimat

Reisen und Stipendien haben neue Heimat- und Sehnsuchtsorte erschlossen. Vor allem Italien: Geprägt haben sie der drei Monate dauernde Schreibaufenthalt in Rom 2007, Neapel 2009, schliesslich das Atelierstipendium in Genua 2014. Schnyder recherchiert genau, und ihr Interesse wird auch durch Zufälle geweckt: So hat sie das originelle Salz beim Abendessen von Bekannten zur akribischen Recherche über die Salzgewinnung und zu Reisen in frühere Salzhochburgen animiert.

Nur beim ersten Langgedicht hat sie länger gezögert: «Ich hatte Skrupel, den Autoverkehr als faszinierendes ästhetisches Phänomen zu beschreiben.» Die Faszination hat über die moralischen Skrupel gesiegt – zum Glück. Und wenn Monika Schnyder in den Abschlusszeilen vom Borschtsch, der polnischen Randensuppe, berichtet, schliesst man sich gerne ihrem polnischen kulinarischen Grusswort an: «Smatschnego», was so viel heisst wie: «Guten Appetit».

Mi, 4.11., 20 Uhr, Buchvernissage «Tethys», Buchhandlung zur Rose