Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Büchnerpreisrede von Lukas Bärfuss: «Mein armes Brüderchen war mir Material»

Furios bedankte sich Lukas Bärfuss am Samstag für den Büchnerpreis. Mit radikalem Selbstzweifel und pathetischem Auftrag an Literatur und einem aktuellen Kommentar: Wer sich über den aufkommenden Rechtsextremismus wundere, dem sei gesagt, dass die Nazis nie weggewesen seien.
Hansruedi Kugler
Lukas Bärfuss nimmt von Ernst Osterkamp, dem Präsidenten der Akademie für Sprache und Dichtung, die Büchnerpreis-Urkunde entgegen. (Bild: EPA/Alexander Heimann)

Lukas Bärfuss nimmt von Ernst Osterkamp, dem Präsidenten der Akademie für Sprache und Dichtung, die Büchnerpreis-Urkunde entgegen. (Bild: EPA/Alexander Heimann)

Wenn die letzten Zeugen der Barbarei wegsterben, müssten die Schriftsteller die Erinnerung wachhalten – so formulierte der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss den Auftrag an die Literatur am Ende seiner Dankesrede. Und fügte mit Pathos und Hoffnungsgestus an: «Es gibt keine Fatalität. Wir sind keine Puppen. Freiheit und Empathie sind immer möglich.» Der anschliessende, sehr lange Applaus, war die logische Klammer eines engagierten Abends. Ernst Osterkamp, der Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung, hatte gleich zu Beginn der Preisverleihung am Samstagabend die Richtung vorgegeben: «Die Welt befindet sich nicht in einer erfreulichen Lage.» Jüdisches Leben sei wieder bedroht, rechtsradikale Banden zögen durchs Land, die Sprache verrohe. Die den Büchnerpreis verleihende Akademie politisiere nicht, aber folge dem «aus der Erfahrung der erlebten Barbarei» der Nazizeit formulierten Gründungsauftrag der Akademie: «Die Aufmerksamkeit auf das sprachliche Fundament der Gesellschaft zu richten, das das friedliche Zusammenleben gewährleistet – auch in anderen Ländern.» Die Akademie begleite und fördere deshalb insbesondere Literatur, die auf aktuelle politische Entwicklungen reagiere, welche die freie Rede und die Menschenrechte und mit ihnen die Kunstfreiheit gefährden. Lukas Bärfuss also ein idealer Preisträger?

Mit keinem Stück oder Roman sei er zufrieden

Da hatte man fast vergessen, dass vor Bärfuss die österreichische Literaturkritikerin Daniela Strigl als Preisträgerin des Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay in ihrer Dankesrede den Satz gesagt hatte: «Die Literatur hat als zentrales Bildungsfach weitgehend abgewirtschaftet.» Die Kritik müsse umso mehr der «Steigerung der gesellschaftlichen Strahlkraft der Literatur» verpflichtet sein. Literatur gehöre schliesslich zum notwendigen Überflüssigen des menschlichen Lebens.

Man hätte Strigls Rede als Ouvertüre zur Dankesrede von Lukas Bärfuss auffassen können. Dieser nämlich wollte mit der Jury schimpfen: Seine rigiden Selbstzweifel am Sinn des Schreibens hat er schon öfters in Essays thematisiert. An diesem Abend formulierte Bärfuss noch schärfer: «Mit keinem einzigen meiner Stücke, mit keinem meiner Romane bin ich zufrieden.» Und man hätte Selbstekel orten können, als er fortfuhr: «Mein Werk ist in weiten Teilen ein Zeugnis menschlicher Niedertracht.» Als versierter Rhetoriker setzte er noch einen drauf: Wenn immer er bei seinen Recherchen «eine besonders aparte Perversion enthüllte», habe er daraus «eine Szene, ein Kapitel, ein Abschnitt möglichst akkurat geformt.» Weniges sei ihm heilig gewesen und auf die Fiktion könne er sich nicht herausreden. «Mein armes Brüderchen, dieser arme Mensch, seine Asche, sein Schmerz, sein Leid war mir Material. Ich liess das Publikum einen Blick erhaschen auf sein nacktes Elend.» Wie jeder Schausteller habe er für seine Attraktion vom Zuschauer Eintritt genommen. Dass er dafür nun diesen Preis erhalte, sei schon eigenartig.

Weltgeschichtlich im Kalten Krieg sozialisiert

Kokettierte hier einer mit seinem Zynismus als Künstler? Im Pathos der Rede war der Selbstzweifel jedenfalls notwendiger Vorspann zur Selbstverpflichtung dieses Autors: «Die Frage ist erlaubt, was denn mein Problem sei. Die Antwort: Ich bin ein Schriftsteller aus dem Europa des 20. Jahrhunderts.» Seine weltgeschichtliche Erziehung: Aufgewachsen im hochgerüsteten Kalten Krieg, der einen jeden Tag mit der Auslöschung der menschlicher Zivilisation bedroht habe; dann der Bosnienkrieg; den Völkermord in Ruanda, über den er den Roman «Hundert Tage» geschrieben hat, musste er nicht mal erwähnen; dafür einen Besuch in Auschwitz. Hinter jeder Ecke lauere Massenmord, die Frage, wie es so weit habe kommen können, sei immer noch seine Leitfrage, betonte Bärfuss. Eine Frage, die ihn mit Georg Büchner verbinde, der den revolutionären Schlächter Danton fragen liess, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet, sich beim Morden aber auf Notwehr herausredet und in Metaphysik flüchtet. «Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen», lässt Büchner seinen Danton resigniert sagen. Einspruch Bärfuss: «Aber nein, es ist nicht in uns. Es ist zwischen uns.» Deshalb sein scharfer Blick in 23 Stücken, drei Romanen und Essays auf die Gesellschaft mit ihren Regeln, Verzichtsleistungen, Anpassungen – und die damit verbundene Gewalt, die Komik und Tragik des Misslingens und den Wahn, in den das Individuum abzugleiten droht.

«Die Nazis sind nie weggewesen»

Bärfuss wäre nicht Bärfuss, wenn er nicht auch noch eine wuchtige Breitseite in die aktuelle politische Stimmung in Deutschland abfeuern würde. Ohne Angst vor Verallgemeinerung, mit pointierten Slogans wie: «Wer den letzten Krieg vergisst, bereitet den nächsten vor.» Auch er habe vergessen gehabt, dass es in Deutschland keine Entnazifizierung gegeben habe: Nazirichter, die im Nachkriegsdeutschland weitermachen konnten; Industrielle, die ihr mit Zwangsarbeit aufgebautes Vermögen behalten durften. «Sie sind nicht plötzlich wieder da, die Nazis und ihr Gedankengut, sie selbst sind nie weggewesen. Jeder Demokrat, der sich darüber wundert, sollte sich fragen, warum er all das vergessen hat», so Bärfuss. Und vor allem stelle sich die Frage, wer die Erinnerung wachhalte, wenn die Zeugen der Barbarei wegsterben: «Es bleibt die Aufgabe meiner Generation, die Erinnerung lebendig zu halten.» Auf die furiose Rede folgte sehr langer Applaus.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.