Luigi hat die richtige Schraube

Giovanni Carmine, der Leiter der Kunsthalle St. Gallen, wird an der diesjährigen 55. Kunstbiennale in Venedig den Schweizer Pavillon kuratieren. Er wurde vom Künstler Valentin Carron dazu eingeladen.

Brigitte Schmid-Gugler
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Valentin Carron vor einer seiner Skulpturen (ohne Titel). (Bild: Courtesy Galerie Eva Presenhuber)

Valentin Carron vor einer seiner Skulpturen (ohne Titel). (Bild: Courtesy Galerie Eva Presenhuber)

Eben erst war Vernissage der Ausstellung von Irene Kopelmann und Stefan Burger, und noch diese Woche wird er im Flugzeug nach Venedig sitzen. Gerade mal einen Tag, mehr Zeit kann der Direktor der Kunsthalle St. Gallen, und Vater eines zweijährigen Sohnes, gut zwei Monate vor der Eröffnung der Biennale für einen Besuch vor Ort nicht investieren. Giovanni Carmine, mit der ihm eigenen Art eines bescheidenen Understatements, fährt sich – auch das ist seine Art – durch den schwarzen Haarschopf.

Der Nimmermüde wirkt etwas müde und doch sonderbar elektrisiert. Schliesslich kommt es nicht jeden Tag vor, dass der Kurator nicht den Künstler wählt, sondern umgekehrt: Valentin Carron, der an der kommenden 55. Kunstbiennale den Schweizer Pavillon bespielen wird, hat ihn als Kurator angefragt. «Wir kennen uns schon viele Jahre, wir mögen uns, und immer wenn wir uns trafen, fanden beide, dass wir mal zusammenarbeiten möchten», sagt Giovanni Carmine.

Zwei Südschweizer

Nun ist der Augenblick gekommen, die Plattform lässt sich sehen und der Kurator, der an der letzten Biennale an der Seite von Bice Curiger als künstlerischer Koordinator der Ausstellung «Illuminations» wirkte, fühlt sich geehrt. Ausserdem sei es ein Riesenvorteil, mit der Logistik und den Bedingungen in Venedig bereits vertraut zu sein. Wenn eine Schraube fehle, könne er auf einen Sprung hinüber zu den Werkstätten und rufen: «Ciao Luigi, hast du mir mal 'ne Schraube?»

Trotz des internationalen Renommées, das die Biennale hat, wolle er «nicht riesige spektakuläre Themen» entwickeln, sondern viel lieber im Sinne des Künstlers dessen minimalistischer Sprache folgen, sagt Carmine. Auch in diesem Punkt seien er und Carron sich einig. Dieser habe nicht nur den Blick auf den Südschweizer Raum mit ihm, dem Tessiner gemeinsam, auch in ihrem jeweiligen ästhetischen Universum gebe es viele Überschneidungen. Auf Venedig übersetzt heisst das, dass das Duo – nennen wir es hier «CaCa» – vor allen Dingen den 1951/52 vom Architekten Bruno Giacometti erbauten Pavillon, der sich nahe beim Haupteingang in die Giardini befindet, respektieren will.

Carron werde «etwas mit einer langen Schlange» mit einem Kopf vorn und hinten machen, die sich durch die Räume winde, gibt sich Carmine noch ein wenig bedeckt. Das Motiv mit zweifellos hohem Symbolgehalt erscheint immer wieder mal in den Arbeiten des Wallisers. «Das Biest» würdige einerseits den architektonischen Rahmen und andererseits stelle es den Stellenwert der Kunst und die Funktion von Skulptur in Frage, lässt sich die Pro Helvetia über ihren diesjährigen Mann in Venedig zitieren.

«Unechte» Materialien

Valentin Carron wurde 1977, zwei Jahre nach Carmine, in Martigny geboren. Die skulpturalen Arbeiten sind oft beeinflusst von seiner unmittelbaren Sicht auf die Walliser Heimat, wenn auch mit einem ironischen Unterton. Die Pro Helvetia schreibt, Carron provoziere durch «stilistische Gegensätze und Verwendung <unechter> Materialien, welche die Frage nach Original und Kopie, nach Tradition und Identität aufwerfen». In den letzten Jahren widmeten ihm unter anderen das Palais de Tokyo in Paris, die Kunsthalle Zürich und das Swiss Institute in New York eine Einzelausstellung. An der Biennale folgt er auf Thomas Hirschhorn, der den Pavillon vor zwei Jahren bespielte. Den neu verteilten Verantwortlichkeiten zwischen dem BAK (Bundesamt für Kultur) und der Pro Helvetia, die neu den Schweizer Beitrag an der Biennale betreut, steht Carmine kritisch gegenüber. Er wittert in den Umverteilungen und in der Verschiebung der Ressorts «versteckte Subventionskürzungen».

Giovanni Carmine kuratiert den Schweizer Pavillon in Venedig. (Bild: Hanspeter Schiess)

Giovanni Carmine kuratiert den Schweizer Pavillon in Venedig. (Bild: Hanspeter Schiess)