Luft zum Überleben

Der Appenzeller Verlag übernimmt den orte-Verlag. Damit ist vor allem für die Literaturzeitschrift «orte» erstmal der Fortbestand gesichert. Mittelfristig sucht das Ehepaar Steiner aber nach einem Nachfolger.

Valeria Heintges
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orte-Verleger Werner und Irene Bucher (l.) mit Appenzeller-Verlagsgründern Yvonne und Marcel Steiner. (Bild: Urs Bucher)

orte-Verleger Werner und Irene Bucher (l.) mit Appenzeller-Verlagsgründern Yvonne und Marcel Steiner. (Bild: Urs Bucher)

RÜTEGG. Der Ort der Medienkonferenz sei «nicht ganz zentral», sagt Marcel Steiner. Das ist gnadenlos untertrieben. Denn die Rütegg im Dreieck zwischen Oberegg, Kaien und St. Anton liegt am Ende eines geschotterten Weges, den nur Fussgänger benutzen sollten. Hier, im Wirtshaus hoch über dem Rheintaler Nebelmeer, hat Werner Bucher jahrelang seinen orte-Verlag geführt – und um den geht es in der Medienkonferenz.

Einstieg statt Ausstieg

Marcel Steiner, langjähriger Geschäftsführer der Appenzeller Medienhaus AG, hat den Appenzeller Verlag gekauft und bringt ihn zum 1. Januar 2015 in die neu gegründete Appenzeller Verlag AG ein. Gleichzeitig übernimmt er den orte-Verlag, der sich mit Lyrik, Krimis und vor allem der Literaturzeitschrift «orte» einen Namen gemacht hat. Zu der Appenzeller Verlag AG gehören ausserdem der Toggenburger Verlag und die Edition Punktuell.

«In unserem Alter», sagt Marcel Steiner und spricht dabei für seine Ehefrau Yvonne gleich mit, «überlegen sich andere den Ausstieg. Wir planen den Einstieg.» Um das Konstrukt durchzusetzen, liess sich Steiner frühpensionieren.

Zwischenlösung scheitert

Irene Bosshart Bucher ist die Freude über die getroffene Vereinbarung anzumerken. Denn seit ihr Mann Werner Bucher, Gründer des Verlags, sich aus gesundheitlichen Gründen immer weniger um den orte-Verlag kümmern kann, sucht das Ehepaar nach einer Lösung. Die schien gefunden, als orte-Mitarbeiter Virgilio Masciadri den Verlag übernehmen wollte. Doch ehe die Geschäfte übergeben werden konnten, erlag Masciadri im Mai diesen Jahres seinem Krebsleiden.

«Unsere Verlage sind befreundet», sagt Steiner ein wenig poetisch – doch bei der Übernahme eines Verlags, der Lyrikbücher herausgibt, ist das erlaubt. Tatsächlich hat Steiner seit 1998 sehr tiefe Einsichten in das orte-Verlagsgeschehen – denn seit diesem Jahr verfügt der orte-Verlag über eine Website. Und der Webmaster heisst seither – Marcel Steiner.

Die beiden Verlage verbindet viel: Beide sitzen in Appenzell, der eine erst im ausserrhodischen Zelg-Wolfhalden, jetzt im innerrhodischen Rütegg; der andere in Herisau. Der gemeinsame Firmensitz wird Schwellbrunn sein.

Erfolg mit regionalen Krimis

Ausserdem sind beide finanziell erfolgreich mit regionalen Krimis. Diese Doppelspurigkeit will Steiner ändern, den orte-Verlag für Lyrik und Belletristik inklusive Krimis ausbauen, den Appenzeller Verlag als Marke für das regional verankerte Sachbuch verankern.

Mit Quersubventionierungen durch die Krimis kann sich das Verlagshaus auch ein zwar renommiertes, aber finanziell defizitäres Projekt wie die Literaturzeitschrift «orte» leisten. «Es geht schon 40 Jahre, warum soll es da nicht weiter 40 Jahre gut gehen?», fragt Steiner sehr rhetorisch. Denn er weiss: «Wenn die Förderung durch Pro Helvetia oder das Migros Kulturprozent wegfallen würden, hätte <orte> keine Zukunft.» Dazu kommt die Hoffnung, dass sich mit besseren Marketing- und Vertriebsstrukturen auch noch der eine oder andere Leser mehr finden liesse.

Marketing und Vertrieb stärken

Da muss auch Irene Bosshart Bucher zustimmen: «Da haben wir vor allem in den letzten Jahren immer weniger gemacht», gibt sie zu. «Das hat meinen Mann auch schon früher weniger interessiert.»

Langfristig will auch das Ehepaar Steiner nach einem Nachfolger suchen. In 15 Jahren wollen sie sich aus dem Geschäft zurückgezogen haben. Derzeit aber gilt: In einer Notsituation hat der orte-Verlag damit noch einmal die überlebensnotwendige Luft zum Atmen bekommen.

www.orteverlag.ch www.appenzellerverlag.ch