Lorenzo Benedetti wird neuer Kurator in St. Gallen

Der international sehr gut vernetzte italienische Kunsthistoriker Lorenzo Benedetti tritt im Februar 2017 die Nachfolge an des ­langjährigen Kurators am Kunstmuseum St. Gallen, Konrad Bitterli. Besonders profiliert ist Benedetti in der konzeptuellen Kunst.

Christina Genova
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Lorenzo Benedetti zieht bald von Holland nach St. Gallen. (Bild: PD/Jan Kempenaers)

Lorenzo Benedetti zieht bald von Holland nach St. Gallen. (Bild: PD/Jan Kempenaers)

Das Interesse war gross: 120 Bewerber meldeten sich auf die ­offene Kuratorenstelle für zeit­genössische Kunst am Kunst­museum St. Gallen. Das Rennen gemacht hat Lorenzo Benedetti, wie das Kunstmuseum St. Gallen gestern bekanntgab. Benedetti wird Nachfolger von Konrad Bitterli, der St. Gallen nach 26 Jahren in Richtung Winterthur verlässt, wo er Direktor des Kunstmuseums und des Museum Oskar Reinhart wird.

Lorenzo Benedetti freut sich laut telefonischer Auskunft sehr auf seine neue Aufgabe, die er ab Februar 2017 übernimmt: «Die zeitgenössische Kunst wird in St. Gallen auf hohem Niveau ­gepflegt. Es ist in dieser Hinsicht einer der interessantesten und ­renommiertesten Orte der Schweiz.» Auch von Seiten des Kunstmuseums St. Gallen ist die Freude gross: «Wir sind überzeugt, dass Lorenzo Benedetti das Profil unseres Hauses weiter stärken wird. Spannende konzeptuelle Ausstellungen sind geradezu sein Markenzeichen», lässt sich Direktor Roland Wäspe zitieren. Giovanni Carmine, Direktor der Kunsthalle St. Gallen, der Benedetti schon lange kennt, zeigt sich überrascht und erfreut über den neuen Kollegen: «Das ist eine gute Nachricht für St. Gallen. Lorenzo Benedetti ist sehr gut vernetzt und sehr profiliert.»

Schwierige Erfahrung in Amsterdam

Die Herausforderungen, die Lorenzo Benedetti in St. Gallen erwarten, schrecken ihn nicht. Die Kunstzone in der Lokremise, deren Mittel gekürzt wurden, ist für ihn ein «sehr schöner und wichtiger Ort» – sowohl architektonisch als auch bezüglich seiner Lage in der Stadt: «Es braucht einen Kraftakt, um die dafür nötigen Finanzen zu beschaffen.» Dass die Räume, die das Kunstmuseum nach dem Auszug des Naturmuseums erhalten hat, vorläufig nicht umgebaut werden, ist für Benedetti kein Problem: «Ich freue mich darauf, die neuen Räume mitprägen zu dürfen.» Sie böten sich speziell für ortsspezifische Arbeiten an. Ausserdem habe er Erfahrung mit komplexen Räumlichkeiten. In der Tat war Benedetti von 2008 bis 2014 Direktor des De Vleeshal im ­niederländischen Middelburg. Das Museum für zeitgenössische Kunst ist in einem gotischen Rathaus untergebracht.

Eine «schwierige Erfahrung» war hingegen laut Benedetti sein letzter Posten als Direktor des De Appel Arts Centre in Amsterdam. Nach nur gut einem Jahr wurde ihm vom Verwaltungsrat gekündigt. Grund waren Differenzen über die Ausrichtung der Institution. Dies führte zu grossem Aufruhr: Künstler lancierten eine Petition zu Gunsten von Benedetti, und das ganze Team des Ausbildungsprogramms für Kuratoren des De Appel sistierte aus Protest seine Arbeit. Schliesslich trat der Verwaltungsrat zurück. Der 44-jährige Benedetti ist in Rom als Sohn eines Italieners und einer Holländerin aufgewachsen und hat an der römischen Universität La Sapienza Kunstgeschichte studiert. Ein erster Kontakt mit dem Kunstmuseum St. Gallen ergab sich 2013, als man für einen Katalog von Koenraad Dedobbeleer zusammenarbeitete. Mit Nedko Solakov und Pipilotti Rist hat er in den letzten Jahren zwei weiteren Künstlern Einzelausstellungen ausgerichtet, die auch in St. Gallen zu sehen waren. Nun sucht Benedetti eine Wohnung: «Ich hoffe, im Januar nach St. Gallen ziehen zu können.» Danach wird er sein Deutsch aufbessern, das er zwar spricht, das aber nach fast zehn Jahren in Holland etwa eingerostet ist.

 

Christina Genova

christina.genova

@tagblatt.ch