«Locarno ist mein Schicksal»

Am Filmfestival Locarno gewann das Politdrama «Der Staat gegen Fritz Bauer» den Publikumspreis. Im Mittelpunkt steht der Auschwitz-Ankläger Fritz Bauer, verkörpert durch Burghart Klaussner. Der Film startet heute im Kino.

Rolf Breiner
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Burghart Klaussner in der Rolle des kettenrauchenden Staatsanwalts in «Der Staat gegen Fritz Bauer». (Bild: pd/Looknow)

Burghart Klaussner in der Rolle des kettenrauchenden Staatsanwalts in «Der Staat gegen Fritz Bauer». (Bild: pd/Looknow)

Herr Klaussner, seit 45 Jahren stehen Sie auf der Bühne oder vor der Kamera. Sie spielten auch am Schauspielhaus Zürich. Was war dort Ihre schönste Rolle?

Burghart Klaussner: Ich war sieben Jahre in Zürich. Eine Rolle war gleich zu Anfang grossartig: in «Kalldewey, Farce» von Botho Strauss. Die zweite war «Der Menschenfeind», inszeniert von Werner Düggelin. Er war dazumal mein wichtigster Regisseur. Diese Jahre zwischen 1992 und 2000 waren die schönste Theaterzeit meines Lebens.

Sieht man Sie wieder auf Bühnen?

Klaussner: Ich bin in Dresden am Werk. Ich führe Regie und spiele die Hauptrolle. Bei einer nachgestellten Gerichtsverhandlung des literarisch bekannt gewordenen Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, der sein erstes Theaterstück geschrieben hat. Es heisst «Terror» und handelt von einem Luftwaffenpiloten, der eine vollbesetzte Lufthansa-Maschine abgeschossen hat, die entführt worden war und auf das Münchner Olympiastadion abstürzen sollte.

Wie sind Sie denn zu Fritz Bauer geworden?

Klaussner: Es gab eine Anfrage von Regisseur Lars Kraume. Ich kannte nur den Namen und habe dann eine Fernsehdokumentation gesehen. Fritz Bauer war ein leuchtender Name, schon bei meinem Studium in Berlin. Als ich das Material gesehen hatte, war ich fasziniert von dieser ganz eigenen Persönlichkeit. Zuerst dachte ich: Das kriege ich gar nicht hin, wie soll ich so jemanden wiedergeben. Aber dann auf einmal war es da.

Wie nahe sind Sie dieser Figur gekommen?

Klaussner: Am Anfang des Kinofilms sieht man Bauer in einem kurzen schwarz-weissen Dokumentarausschnitt. Man sieht, wie sich seine Lebensreise in seinem Körperhaushalt abgebildet hat. Er war ein Mensch, der es sich nie leicht gemacht hat. Ich fand mich mit ihm verwandt.

Beschreiben Sie bitte diese Figur. Ist sie ein Mann, der gegen den Zeitgeist, gegen Verdrängen und Vergessen ankämpfte? Ein Humanist, der eine Nation wachrütteln wollte?

Klaussner: Sie haben mir die Worte aus dem Mund genommen. Darum geht es, um einen Cowboy – einer gegen alle. Ein Mann, der sich viel Verzicht auferlegt hat, um sein Ziel zu verfolgen, und seine Gesundheit ruinierte. Man sieht, was es ihn kostet, Kämpfer der Gerechtigkeit zu sein. Ein Held.

Ist die Zeit jetzt reif, die Vergangenheit auszugraben?

Klaussner: Wir sehen im Moment eine erstaunliche Entwicklung, die sich im Wort «Willkommenskultur» manifestiert. So etwas gab es in Deutschland vorher nicht, nämlich einen Gesinnungswandel. Er könnte daher rühren, dass wir in Deutschland seit Jahrzehnten in unsere Wunden geschaut haben, um Trauerarbeit zu leisten. Die jungen Leute, die unseren Film gesehen haben, erkennen, dass es mal anders war, dass es Leute wie Fritz Bauer gab, um auf diesen zivilisatorischen Stand zu kommen, um überhaupt unser Gesicht der Welt wieder zeigen zu können.

War es eine Frage der Zeit?

Klaussner: Das hat nicht die Zeit, das haben einzelne Menschen bewirkt. Es waren Leute, die gesagt haben, wir müssen uns diesen Verbrechen stellen. Die Ausstellungen über die Wehrmacht, die Typographie des Terrors, das Holocaust-Denkmal und mehr liegen hinter uns, und wir wissen eigentlich nicht genau, wie wir das geschafft haben.

Und dazu dient auch dieser Film.

Klaussner: Es ist ein Heldenfilm, und wir sollten uns dringend mit Lichtgestalten wie Fritz Bauer befassen. Denn so viele haben wir nicht im Deutschland der Nachkriegszeit.

Und wie war Ihre Erfahrung auf der Piazza Grande in Locarno?

Klaussner: Wir haben den Publikumspreis geholt gegen 22 andere Filme. 8000 Leute sassen auf der Piazza, und es war mucksmäuschenstill, es gab eine ungeheure Aufmerksamkeit. Für mich war es das dritte Mal in Locarno, beim zweiten Mal habe ich den Darstellerpreis gewonnen. Locarno ist mein Schicksal, es ist das Festival, wo ich am häufigsten gewesen bin.

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