Locarno Film Festival
«Man sagt ‹Netflix›, und es scheint, als spräche man vom Antichrist»: Filmfestival-Direktor Giona A. Nazzaro über seinen ersten Locarno-Auftritt

Giona A. Nazzaro erklärt, wie sich die Filmlandschaft verändert, wie die Pandemie das Festival beeinflusst und wo er sich danach erholt.

Interview: Anna Raymann
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Giona A. Nazzaros erste Festivalausgabe in Locarno sorgte für Diskussionen.

Giona A. Nazzaros erste Festivalausgabe in Locarno sorgte für Diskussionen.

Bild: Keystone

Locarno strahlt gelb-schwarz. Es ist die erste Ausgabe des Filmfestivals nach der reduzierten Hybridform 2020 und die erste unter dem neuen künstlerischen Leiter Giona A. Nazzaro. Die Pandemie und das Aprilwetter machen ihm den Auftakt nicht leicht. Füllten 2019 bei Tarantinos «Once Upon A Time In Hollywood» rund 8000 Besucher die Piazza Grande (und 1000 weitere die Fevi-Halle), sind es 2021 im Schnitt 3000 Besucherinnen pro Abend. Doch Nazarro ist froh, endlich wieder Kino zu erleben. Auf seinem Schreibtisch wachen Actionfiguren und Indiana Jones als Badeente über das Gespräch.

Sie kennen Locarno seit vielen Jahren. Wie war es, das Festival zum ersten Mal zu eröffnen?

Giona A. Nazzaro: Es war ein unglaublich emotionaler Moment. Ein Festival– man erkennt es am Begriff – hat etwas mit einem Fest zu tun. Und ein Fest ist, wenn man zusammen mit Menschen den Film feiern kann. Wenn ich in einem vollen Saal spüre, wie sich die Leute nach dem Erlebnis, dem dunklen Raum, der Leinwand und den Bildern gesehnt haben, rührt mich das.

Sie sagen, Locarno ist das einzige Filmfestival, das zu leiten Sie sich vorstellen konnten. Warum ausgerechnet dieses?

Als mich Marco Solari als neuen künstlerischen Leiter angefragt hat, war das die Erfüllung eines alten Traums. Ich habe schon für viele Festivals gearbeitet, aber Locarno bringt für mich das Beste aus allen Welten zusammen: Es hat internationale Ausstrahlung, die Werke, die hier gezeigt werden, reisen in die ganze Welt hinaus. Auf der anderen Seite finden sogar die engagiertesten Cinephilen zwischen den fünf, sechs Filmen, die sie am Tag sehen, Zeit für einen Kaffee. Locarno ist einzigartig mit dieser Lebensqualität.

Zur Person

Giona A. Nazzaro – Direktor Filmfestival Locarno
Bild: Keystone

Giona A. Nazzaro – Direktor Filmfestival Locarno

Er kennt das Geschäft: In Venedig war der in Zürich geborene Italiener Leiter der Kritikerwoche, er war Programmer bei internationalen Filmfestivals wie Rom, Rotterdam und Nyon. In Locarno hat er mit Frédéric Maire, Olivier Père, Carlo Chatrian und Lili Hinstin zusammengearbeitet. Ausserdem schreibt der freie Kritiker über seine Liebe zum Kino; er hat Biografien über Spike Lee und Abel Ferrara verfasst. (ray)

In dieser Ausgabe zeigt Locarno mit Actionfilmen bis zum Autorenkino ein sehr breites Wettbewerbsprogramm. Geht Ihr Konzept auf?

Ich glaube schon. Die vermeintliche Opposition zwischen Autorenkino und Unterhaltung fand ich immer etwas gezwungen. Genre existiert nur, wenn man es aus streng historischer Perspektive betrachtet: Zum Western gehören Pferde, Hüte und Pistolen, zum Horrorfilm Vampire und Schlösser. Filmemacher wie Roger Corman oder Mario Bava galten jahrelang als durchschnittliche Bastler – heute anerkennt man sie als Künstler und zeigt ihre Arbeit in der Cinémathèque. Mein bescheidener Vorschlag ist es, diese Entwicklung etwas zu beschleunigen. Wir sollten nicht 60 Jahre warten, um zuzugeben, dass jemand gut ist.

Die Eröffnung mit einem sogenannten Netflix-Film war in der Branche umstritten. Nachdem Sie ihn in Locarno gesehen haben: Würden Sie sich noch einmal für «Becket» entscheiden?

Auf jeden Fall! Ich verstehe die Sorge, dass die Leute Filme nur noch zu Hause statt im Kino schauen wollen. Auch ich möchte meine Filme nicht nur auf dem kleinen Bildschirm sehen – ich bin quasi im Kino aufgewachsen. Es hiess, es sei ein politischer Entscheid, mit einem Netflix-Film zu eröffnen. Damit habe ich kein Problem, denn politisch sein heisst für mich nicht gegen oder für etwas sein. Ich verstehe den Begriff im etymologischen Sinn: Die Beziehungen in der Filmbranche, in der Produktion, im Verleih, in der Wirtschaft ändern sich. Netflix, genauso Amazon oder Apple sind neue, wichtige Produzenten, und mit ihnen muss man das Gespräch suchen.

Warum braucht Locarno Netflix?

Die Frage muss man umdrehen: Warum sollte Netflix nicht nach Locarno wollen?

Und? Will es?

Ja. Und das ist gut so! Man sagt «Netflix», und es scheint, als spräche man vom Antichrist. Aber wo sind die grossen Studios, wenn Martin Scorsese «The Irishman» machen will? Wo sind sie, wenn es darum geht, «Roma» zu produzieren? Im «Cineasti del presente» zeigten wir einen chilenischen Film von Claudia Huaiquimilla. Inzwischen wurde die Regisseurin für die erste chilenische Netflix-Serie angefragt. Wir aus der Festivalbranche haben die Aufgabe, solche Grassroot-Talente zu erkennen. Nun erkennen aber sogar diejenigen das Potenzial, von denen man glaubte, ihnen ginge es nur ums Geld.

Nicht nur der Netflix-Film, auch das neue Kurzfilmprogramm lassen ahnen: Sie sind offen für neue Ästhetiken. Was haben Sie in dieser Ausgabe entdeckt?

Kino bleibt Kino. Was das Kino aber so stark macht, sind die Leute, die sich mit den Bildern, mit Geschichten und den Leuten beschäftigen. Und so soll man hier in Locarno neue Talente und neue Erzählweisen entdecken. Ich denke da zum Beispiel an den neuen Kurzfilm von Cyril Schäublin. Er stellt sehr interessante Fragen auf visuell innovative Art.

Unter Lili Hinstin gab es auffallend viele Komödien, bei Ihnen sind es nun die Action-Filme. Haben Sie mit dieser ersten Ausgabe Ihre Handschrift gefunden?

Ich komme aus einer Generation, in der die künstlerische Leitung für ein Festival genauso wichtig ist wie die Gäste, die eingeladen werden. Wenn man am Ende des Festivals also meine Handschrift erkennt, wäre es das grösste Kompliment für mich. Meine Idee für Locarno heisst: «Have fun!» Ich hoffe, dass Leute nach einem leichten Film die Angst vor den anspruchsvollen Filmen verlieren, die wir ebenfalls im Programm haben.

Giona A. Nazzaro posiert auf dem roten Teppich am 74. Festival in Locarno Ende letzter Woche.

Giona A. Nazzaro posiert auf dem roten Teppich am 74. Festival in Locarno Ende letzter Woche.

Bild: Keystone

Vor jedem Film verkündet der Locarno-Leopard: «Cinema is back!» Welche Rolle spielt das Festival dabei?

Das Festival ist ein Kernpunkt der ganzen Filmlandschaft. Locarno ist nicht nur die grosse Leinwand, sondern auch all die Aktivitäten und Netzwerke der Filmemacher und der Industrie.

Wie sehr leiden diese Begegnungen unter den Einschränkungen durch Covid?

Sehr, aber wir suchen Lösungen. Es wird leider noch lange dauern, bis die vielberufene Normalität ins Kino zurückfindet. Wie andere Festivals haben auch wir etwas weniger Publikum. Zum Glück sind alle Filmemacher aus dem Wettbewerb und die Jurymitglieder in Locarno angekommen. Es war nicht einfach, die Reisen aus Afrika, Südamerika oder Südostasien zu organisieren, aber es hat geklappt. Wir wollten auf keinen Fall nur ein weisses, europäisch-westliches Festival sein.

Locarno ist die erste Grossveranstaltung in diesem Ausmass in der Schweiz. Wie ist die Durchführung möglich?

Die Pandemie hat ein Ausmass, in dem alles passieren kann. Aber mit Massnahmen wie Maske, Zertifikat und Einlassbeschränkungen bemühen wir uns, das Risiko einzudämmen. Viele Anlässe planen wir draussen. Die Qualität zeigt sich, wenn die Besucher möglichst wenige Regeln befolgen müssen, sich dennoch sicher fühlen und im Zuschauersaal, wenigstens für einen Moment, vergessen können, wie drastisch die Pandemie draussen ist.

Wie verbringen Sie den heutigen, letzten Abend des Festivals?

Wir zeigen auf der Piazza das Biopic über Aretha Franklin, ein sehr gefühlvoller Film über eine tapfere und mutige Frau – der Film wurde von einer Frau realisiert. Ich möchte das Pub­likum mit dieser wunderbaren Stimme der Hoffnung auf eine bessere, inklusivere und schönere Welt entlassen. Ich könnte nicht schöner Auf Wiedersehen sagen als mit diesem Film.

Was nehmen Sie sich für die nächste, die 75., Ausgabe vor?

Zuerst werde ich zum ersten Mal seit vielen Jahren Ferien machen und mit sieben, acht Büchern irgendwo in der Toskana im Schatten sitzen. Aber ich habe bereits einige Ideen, Namen und Szenarien im Kopf – die Arbeit für das nächste Festival beginnt für mich spätestens am 1. September. Kino soll unterhalten. Deshalb gilt auch für das nächste Programm: Haben Sie keine Schuldgefühle, wenn sie sich unterhalten lassen wollen.

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