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Interview

Interview mit Literaturstar T.C. Boyle: «Mein Kopf ist hyperaktiv»

T.C. Boyle hat in Basel seinen jüngsten Roman «Das Licht» über einen Drogenguru ­vorgestellt. Ein Gespräch über Gott, Sargnägel und psychedelische Visionen. Ach ja, auch über Trump.
Interview: Anne-Sophie Scholl
Literaturstar T. C. Boyle geht lieber in die Natur, als Drogen zu nehmen. (Bild: Roland Schmid, Basel, 11. Februar 2019)

Literaturstar T. C. Boyle geht lieber in die Natur, als Drogen zu nehmen. (Bild: Roland Schmid, Basel, 11. Februar 2019)

Ahnen Sie meine erst Frage?

T.C. Boyle: Hm... warum Trump Präsident ist? (lacht)

Das kommt später. Aber nein, die erste Frage, bei diesem Buch natürlich...

... meine Drogenerfahrung!

Genau. Was war Ihr schönstes Erlebnis auf LSD?

Ich habe vielleicht zehn Mal LSD genommen. Es war keine gute Droge für mich. Das Schönste waren sicher die Farben. Ich fühlte mich euphorisch, zunächst. Aber ich bevorzugte Drogen, die mich runterfahren, mein Kopf ist ohnehin hyperaktiv.

Was war Ihre schlimmste Erfahrung?

Ich erinnere mich nicht genau, aber etwas in der Art, wie wenn man nicht einschlafen kann, weil der Kopf immer weiterdreht. Und man sieht Dinge, obwohl man die Augen geschlossen hat.

Wo haben Sie mit LSD experimentiert?

Wir waren alle Hippies. Wir lebten zusammen in einem grossen alten Haus, das wir für den Winter gemietet hatten, ausserhalb von New York, wo ich aufgewachsen war. Wir hatten einen Kamin, laute Musik, wir hatten eine Party und wir wollten high sein, durch was auch immer.

Suchten Sie auch nach Wahrheit, wie die Leute in Ihrem Roman?

Davon hatte ich damals keine Vorstellung. Ich war bloss ein ungebändigtes Kind. Heute interessiert mich vor allem die Vorstellung, wie unser Kopf funktioniert. Warum sollte eine Chemikalie, die aus dem Mutterkorn-Pilz isoliert wird, uns verwandeln? Man nennt diese Drogen Entheogene, sie erlauben einem, Gott zu sehen. Aber gibt es einen Gott? Und wenn ja, wie kann Gott als eine Art neuronale Unterbrechung im Gehirn in Erscheinung treten? Heisst das, Gott ist bloss eine Erfindung, eine Täuschung, etwas Surreales?

Was glauben Sie?

Ich bin Materialist. Ich habe meine fünf Sinne und ordne mein Leben damit, was ich durch sie wahrnehme. Ich glaube an Evolution, Biologie und Menschen als Lebewesen unter ganz vielen Lebewesen.

Sie haben oft gesagt, Schreiben sei Ihre neue Droge. Wie das?

Es erlaubt mir, aus meinem Bewusstsein auszubrechen. Deswegen lieben wir es, Bücher zu schreiben und zu lesen. Es trägt uns aus uns selbst hinaus. Wir alle haben schon einmal ein Buch in die Hand genommen, waren aber abgelenkt. Eine Woche später nimmt man dasselbe Buch wieder zur Hand und ist total gebannt.

Erleben Sie das beim Schreiben?

Beim Schreiben bin ich in einer solchen Welt oder ich versuche, dorthin zu gelangen, was mir nicht immer gelingt. Es ist Magie. Woher kommen die geschriebenen Werke, die Musik oder die Kunst, die wir lieben? Sie kommen aus einem Flow, aus dem Unterbewussten. Und vielleicht gibt es wirklich so etwas wie ein kollektives Unterbewusstsein. Aber nicht nur das Schreiben, auch die Natur ist wichtig für mich. Immer wenn ich mit der Arbeit fertig bin, gehe ich in den Sequoia National Forest. Dort gibt es nur mich und die Lebewesen und den Himmel. Ich verbringe Stunden dort draussen. Das sind die Dinge, die mein Bedürfnis nach harten Drogen ersetzten. Sie fahren mich runter.

Ihr Roman folgt Drogen-Guru Timothy Leary. Wie sehr erzählt der Roman realistisch die Geschichte nach?

Es geht nicht um Leary. Es geht darum, wie diese Droge in die Gesellschaft hinaus gelangte, um die Übergangsphase. Dabei taucht auch die Frage auf: Was wäre gewesen, wenn Albert Hofmann nie LSD entdeckt hätte. Wären die 1960er Jahre dieselben gewesen? Wir hätten andere Dinge gefunden. Timothy Leary hat die Psychologie auf den Kopf gestellt, er war ein seriöser Akademiker, mit Ambitionen. Aber sobald er dieses Werkzeug gefunden hatte, um das Bewusstsein zu öffnen, kam er nie wieder zurück. Albert Hofmann hingegen hatte ein gutes Gleichgewicht.

War er kontrolliert?

Sie können sich selbst die Frage stellen: Wären Sie lieber Hofmann oder Leary?

Wer wären Sie lieber gewesen?

Hofmann! Er war ein Familienvater, er arbeitete viel und bekam Anerkennung im Leben. Aber er hatte auch die spirituelle Seite, er liebte die Natur und war oft draussen bevor er je Erfahrungen mit psychedelischen Drogen gemacht hat. Leary hingegen hat sich das Hirn aus dem Kopf gejagt und wurde ein Clown. Wir Hippies hatten keinen Respekt vor ihm. Für uns war er eine erbärmliche Figur. Deswegen war es für mich interessant, ihn als kraftvolle, charismatische Persönlichkeit zu sehen, bevor er so tief fiel.

Waren die Hippies Träumer und Utopisten oder wollten sie bloss frei sein und sich ganz grundlegende Bedürfnisse erfüllen?

Die Hippie-Bewegung war ein Weg, das Joch der konservativen Gesellschaft abzuwerfen, die Übernahme durch den rechten Flügel Amerikas. Wir protestierten damals gegen den kriminellen Präsidenten Nixon, und gegen den kriminellen Krieg in Vietnam. Ich hoffe, dass sich heute eine neue Bewegung formieren wird. Am Tag nachdem dieses Monster Trump in Amerika die Macht übernommen hat, gingen die Frauen auf die Strasse. Aber unterdessen hält das schon zwei Jahre an. Die Zerstörung des Bildungssystems, die Zerstörung der Umwelt — es wird sehr lange dauern, bis wir darüber hinwegkommen, selbst wenn Trump jetzt sofort verschwinden würde.

Wird Trump bei den nächsten Wahlen verschwinden?

Ich hatte den Leuten versichert, dieser Clown von Trump hätte keine Chance, je Präsident zu sein (lacht). Ich liege immer falsch. Aber ich habe Hoffnung.

Letztes Jahr wurden Sie 70 Jahre alt.

Ich hatte Glück!

Was ändert sich damit für Sie?

Das Alter ist ein Prozess des Leugnens. Man macht genau dasselbe weiter, was man immer getan hat. Mit der Zeit erodiert es, aber man ignoriert das. Und dann ist man tot.

Wie haben Sie Ihren 70. Geburtstag gefeiert?

So, wie ich seit meinem 21. Geburtstag alle meine Geburtstage gefeiert habe: Ich gehe ganz allein in einen dunklen Schrank und lecke meine Wunden.

Sie sind in die Natur gegangen.

Nein. Ich feiere überhaupt nicht. Jeder Geburtstag ist bloss ein weiterer Sargnagel.

Sie sind gegen den Waffenfanatismus in den USA. Aber Sie haben erzählt, Ihre Frau, Mrs Boyle, habe ein Gewehr gekauft...

... ja, das hat sie.

... als eine Art Pensionierungsplan. Wann werden Sie es brauchen?

Ich hoffe, dass ich es nie brauchen werde.

Was wäre ein Grund für Sie?

Verzweiflung.

Wegen dem Alter?

Wegen dem Tod. Ich will nicht Ihre Leser schockieren. Aber wir sind dazu verdammt, zu sterben. Wir haben die Kunst, wir haben die Natur, wir haben persönliche Beziehungen und ich selbst bin eine freudvolle Person. Aber darunter liegt immer das Bewusstsein, dass alles sinnlos ist. Und tragisch. Es ist so: Das Beste, was man im Leben erwarten kann, ist, dem Schlimmsten zu entgehen.

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